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Lust auf scharf?

"CHILI-HIGH": LUST UND SCHMERZ
 

Ein australischer Wissenschaftler ist dem Rätsel auf die Spur gekommen. Was wir als scharf wahrnehmen, ist eigentlich ein Schmerzeindruck. Wie in allen Stress-Situationen reagiert der Organismus darauf, indem er körpereigene Opiate ausschüttet, die so genannten Endorphine. Sie helfen, den Stress zu ertragen, indem sie unsere Schmerzempfindung herabsetzen, und ähneln in ihrer Struktur den Opiaten Morphin und Heroin. Ihre Erforschung begann 1973: Sehr zum Erstauen der Wissenschaftler hatte man im menschlichen Gehirn spezifische Bindungsstellen für Morphin entdeckt. Wozu um alles in der Welt braucht der Mensch in seinem Gehirn Rezeptoren für Drogen? Die Antwort klang zuerst unglaublich: Die Bindungsstellen sind da, weil der Körper selbst in der Lage ist, Opiate zu bilden. Den Beweis dafür erbrachten schottische Forscher 1975. Sie isolierten körpereigene Stoffe, die exakt in diese Rezeptoren passten. Die Substanzen wurden Endorphine genannt, ein Kurzwort für endogen (= im Körper) gebildete Morphine. Das Faszinierende daran: Genau wie Morphin und Heroin erzeugen Endorphine über die Schmerzregulation hinaus ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit - einen Zustand, nachdem wir alle trachten und den wir möglichst lange zu erhalten versuchen. Das erklärt, weshalb viele Menschen regelrecht süchtig nach scharfem Essen sind.

Die Vorstellung, von körpereigenen Opiaten abhängig zu werden, ist ungewöhnlich. Auch in der Wissenschaft hat man jahrelang daran gezweifelt. Heute ist dieses Phänomen längst bekannt, z.B. im Zusammenhang mit der Lust am Joggen. Körperliche Höchstleistungen führen zu einer Ausschüttung von Endorphinen, die den Jogger in den Zustand des "Runners High" versetzen können. Das macht verständlich, warum es immer wieder Leute gibt, die vom Laufen nicht loskommen. Damit sind allerdings auch Gefahren verbunden: Im Zustand des "Endorphinrausches" spürt man starke Schmerzen nicht mehr, so dass im Extremfall Symptome eines drohenden Infarktes infolge einer Überanstrengung nicht wahrgenommen werden. Das könnte dem griechischen Meldeläufer vor 2500 Jahren zum Verhängnis geworden sein, der von Marathon nach Athen lief, um die Nachricht vom Sieg der Griechen über die Perser zu überbringen. Gleich nach seiner Ankunft brach er tot zusammen.

Auch die immer häufiger auftretende Krankheit Magersucht ist nachweislich mit einer Abhängigkeit von körpereigenen Opiaten verbunden. Das Hungern verschafft den Betroffenen eine Endorphinausschüttung, die ihre Depressionen und Ängste bekämpft. Und weil Endorphine süchtig machen können, müssen auch völlig Ausgemergelte immer weiter hungern. Die Therapie erfordert neben psychologischer Aufarbeitung individueller und familiärer Probleme einen regelrechten Entzug.


Wo der Schmerz schmeckt | Killer-Chili