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EIN BEISPIEL
 

Nehmen wir ein junges Mädchen in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft. Schlanksein ist wichtig und erstrebenswert. Sie ist eine gute Schwimmerin und trainiert regelmäßig. Sie ist jedoch auch in der Pubertät, muss die Schule wechseln und hat Liebeskummer, kurz, sie hat eine Menge Stress. Zunächst tröstet sie sich mit Schokolade, was bei Liebeskummer ganz normal ist. Beim Trainer und den Freundinnen ruft der "Kummerspeck" jedoch alles andere als Anerkennung hervor, und gerade die hat sie in ihrem Zustand bitter nötig. Irgendwann ist ihre Stimmung auf dem Nullpunkt. Nun entscheidet sie sich, eine strenge Diät zu machen und ihr Schwimmtraining zu intensivieren. Alles läuft prima, sie nimmt ab, die Trainingszeiten verbessern sich wieder, und sie erntet von allen Bewunderung. Ihre Laune ist fantastisch.

Was auf den ersten Blick harmlos und "normal" aussieht, kann fatale Folgen haben: Dieses junge Mädchen hat zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass sie durch Verzicht auf Nahrung und durch intensiven Sport ihre Stimmung heben kann. Ihr Körper hat die negativen Seiten einer Diät und der körperlichen Anstrengung sehr effektiv mit Endorphinen überdeckt. Die erhebliche soziale Anerkennung durch den Gewichtsverlust und die sportlichen Leistungen steigern das Wohlbefinden noch. Überwiegt die Belohnung durch die körpereigenen Endorphine die anfänglichen Unlustgefühle sehr stark, kann eine echte Sucht daraus werden.

Dass eine echte Abhängigkeit entsteht, zeigt sich spätestens dann, wenn das erstrebte "Zielgewicht" erreicht ist: Es gelingt vielen Mädchen dann nicht mehr, mit der Diät aufzuhören. Ihr Körper verlangt weiterhin nach den schönen Gefühlen und dem "high". Ihre Abhängigkeit wird sie immer weiter hungern lassen, auch wenn sie schon nicht mehr dem Schönheitsideal entsprechen.

Das merkt sie allerdings nicht, denn die Sucht sorgt dafür, dass Menschen, die bis aufs Skelett abgemagert sind, immer weiter hungern und ihr Trainingspensum nach Möglichkeit noch erhöhen. Der süchtige Körper tut alles, um an die Stimmungsaufheller zu kommen. Aber nun braucht er immer mehr davon, und die Wirkung geht – wie bei jeder echten Droge – langsam aber sicher zurück. Angstzustände und Depressionen häufen sich, und die Stimmung lässt sich nicht mehr so leicht aufputschen.

Das Hungern wirkt also wie eine Droge, die süchtig machen kann. Entscheidend ist, dass in einer depressiven Phase mit einer Diät begonnen wird. Diäten und Sport sind gesellschaftlich anerkannt, sie machen die negativen Empfindungen erträglich, bis der Körper mit Endorphinen für eine Euphorie sorgt. Die Abhängigkeit beginnt. Irgendwann ist der Körper so ausgemergelt, dass nicht mehr weiter abgenommen werden kann, um das Verlangen nach Endorphinen zu befriedigen. Es kommt schließlich zum "burn-out", zum Ausgebranntsein, zum Zusammenbruch.

Magersucht und andere Essstörungen wie etwa die Bulimie (Stierhunger) gibt es nicht erst seit gestern. Aber sie haben in unserer Gesellschaft in beunruhigender Weise zugenommen. Ermöglicht wird dies durch die steten Ermahnungen, ja nicht "dick" zu werden. Ohne den Schlankheitswahn hätten wir mit Sicherheit weniger solche Schicksale zu beklagen. Auch der Leistungssport trägt sein Scherflein zur Suchtentstehung bei. Am Schwebebalken zählt jedes Gramm Körpergewicht, der Leistungsdruck ist ist enorm, denn schließlich geht es ab einem bestimmten Leistungsniveau auch um eine Menge Geld. Nicht, dass hier gegen den Sport gewettert werden soll. Es soll aber zweierlei deutlich werden: Erstens lässt sich unser Körpergewicht nicht beliebig manipulieren, und zweitens können auch so gesunde Dinge wie Sport negative Folgen haben – unter bestimmten Umständen und wenn man es übertreibt. Neue Forschungsergebnisse sollten alle, die für das Wohl junger Sportler zu sorgen haben, hellhörig werden lassen.


Hunger, die Droge junger Mädchen | Sport und Diät - eine gefährliche Kombination