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RÜCKSTÄNDE: WIE SICHER SIND UNSERE LEBENSMITTEL? |
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von Ulrike Gonder, erschienen in der Saarbrücker Zeitung, April 2006
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Wie sicher sind unsere Lebensmittel?
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Unter der Überschrift „Schön, saftig, gespritzt“ schrieb das Greenpeace-Magazin kürzlich, Pfirsiche und Nektarinen steckten voller Pestizide. Kurz darauf folgte die Meldung „Verbotene Gifte im Obst“, in der zu lesen war, dass sich „nicht einmal ein Drittel“ der von Greenpeace untersuchten Obst- und Gemüseproben als rückstandsfrei erwiesen hatte. Kurz zuvor vermeldete das Berliner Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), die Lebensmittel in Deutschland seien „insgesamt nur geringfügig belastet“. Ja was denn nun? Sind Äpfel und Brote, Birnen und Joghurts, Heringe und Leberwürste nun gefährliche „Chemiecocktails“ oder die sichersten Lebensmittel, die wir je hatten?
Tatsächlich enthalten die meisten unserer Lebensmittel Rückstände: von Stoffen, die mal als Pflanzenschutzmittel, mal als Pestizide bezeichnet werden, von Schimmelpilzgiften, Schwermetallen und Schadstoffen aus der Umwelt. Auch Reste von Putz- und Waschmitteln, Kosmetika und Medikamenten finden sich in vielen Lebensmitteln bis hin zur Muttermilch wieder. Erfreulich ist das nicht, und alle sind sich einig, dass die Gehalte an unerwünschten Stoffen in der Nahrung so gering wie möglich gehalten werden sollten.
Doch genau hier beginnt der Streit. Denn was heißt so gering wie möglich? Rückstandsfreiheit ist eine unerreichbare Illusion. Denn selbst in Bioprodukten, die aufgrund ihrer besonderen Anbauweise und Aufzucht in der Regel keine Reste von Pflanzenschutzmitteln enthalten, finden sich Überbleibsel anderer unerwünschter Substanzen. Luft und Boden, Wasser und Futtermittel sorgen für den Eintrag, auch wenn niemand absichtlich „Chemie“ dazu gegeben hat. Jüngstes Beispiel: Im letzten Jahr fanden sich erhöhte Dioxinwerte in Eiern von „glücklichen“ Freilandhühnern. Die Tiere picken draußen mit der Erde eben auch Schadstoffe wie Dioxine aus dem Boden auf, die teils aus industrieller Produktion, teils aus natürlichen Quellen stammen. Das Problem war bekannt, und um es in den Griff zu bekommen, ließ man für Eier aus Freilandhaltung jahrelang höhere Dioxingrenzwerte gelten als für Eier aus Käfig- und Bodenhaltung. Als die Grenzwerte nun endlich vereinheitlicht wurden (auf 3 Milliardstel Gramm Dioxin pro Kilo Eifett, entsprechend einem Zuckerwürfel in einem 3 Millionen Liter fassenden Supertanker), fielen manche Freilandeier durch ihren Dioxingehalt auf.
Die Befürworter von Käfigeiern nutzten die Schlagzeilen, um auf die höhere Sicherheit der Legebatterie-Eier hinzuweisen. Die Freilandverfechter hoben hervor, dass man die Gehalte zwar senken werde, dass diese jedoch nicht akut gesundheitsschädlich seien. Eine typische Situation: das Messen von Rückständen ist eine Sache, die Bewertung der gefundenen Mengen eine andere. Wenn also bei Greenpeace zu lesen ist, wie gefährlich die jeweiligen Befunde seien, während die für Lebensmittelsicherheit zuständigen Behörden betonen, dass keine akute Gesundheitsgefahr bestehe, dann liegt es nicht an unterschiedlichen Messwerten, sondern an deren Beurteilung.
Selbstverständlich gibt es längst internationale Konventionen (s. unten), nach denen Rückstandsgehalte beurteilt werden. Allerdings waren diese Vereinbarungen auch stets Gegenstand heftiger und teils berechtigter Kritik. So werden die meisten Substanzen bis heute nur als Einzelstoff behandelt. In den Lebensmitteln finden sich jedoch immer häufiger mehrere Rückstände, etwa weil verschiedene Spritzmittel angewendet wurden. Kritiker fordern daher mit Recht, die möglichen Additions- und Wechselwirkungen der diversen Rückstände zu berücksichtigen, um deren Gefahrenpotenzial realistischer abschätzen zu können. Während Greenpeace die Mengen aller gefundenen Rückstände addiert (was womöglich zu einer Überschätzung der Gefahren führt), arbeiten die nationalen und internationalen Behörden noch an einem differenzierteren Modell, um die Wirkung von „Rückstands-Cocktails“ besser einordnen zu können. Immerhin, es tut sich was.
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Grenzen
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Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die EU sowie das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind für die Festlegung der Werte verantwortlich, anhand derer die Auswirkungen von Rückständen bewertet und ggf. Verzehrswarnungen ausgesprochen werden.
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Höchstmengen Der Gesetzgeber hat Höchstmengen für eine Reihe von Stoffen festgelegt, um die Verbraucher vor potenziellen Gesundheitsgefahren zu schützen. Allerdings sind dies keine rein medizinisch begründeten Werte, sie orientieren sich auch an der „guten landwirtschaftlichen Praxis“ sowie an politischen, juristischen und gesellschaftlichen Forderungen. Die Höchstmengen dienen der Lebensmittelkontrolle als Grenzwerte. Liegen die gefundenen Rückstände darüber, dürfen die Lebensmittel nicht mehr verkauft werden und das BfR nimmt eine Bewertung des damit möglicherweise verbundenen Gesundheitsrisikos vor. Das ist nötig, weil ein Überschreiten der Höchstmenge nicht automatisch eine Gesundheitsgefahr darstellt. Höchstmengen müssen stets unterhalb der gesundheitsgefährlichen Schwelle liegen. Zu ihrer Bestimmung werden unter anderem ADI- und ARfD-Werte berücksichtigt.
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ADI-Wert Er gibt die Menge eines Stoffes an, die nach aktuellem Kenntnisstand bei lebenslanger täglicher Aufnahme als für den Menschen unschädlich gilt. Die Abkürzung stammt vom englischen Acceptable Daily Intake, der täglichen duldbaren Aufnahmemenge. Der ADI-Wert wird für jedes Pflanzenschutzmittel separat festgelegt.
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ARfD-Wert Für Wirkstoffe, die eine hohe akute Giftigkeit aufweisen und bereits bei einer einmaligen oder kurzzeitigen Aufnahme gesundheitsschädlich sein können, wird die akute Referenzdosis ermittelt. Sie bezeichnet die Stoffmenge, die innerhalb eines Tages oder einer Mahlzeit aufgenommen werden kann, ohne Schaden anzurichten. Eine Höchstmengenüberschreitung ist vor allem dann gesundheitsbedenklich, wenn durch sie auch der ARfD-Wert übertroffen wird.
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Auslösewert Für manche bedenkliche Stoffe hat die EU-Kommission zusätzlich so genannte Auslösewerte festgelegt. Sie liegen oberhalb der üblicherweise gemessenen „Hintergrundbelastung“ mit dem entsprechenden Rückstand, z.B. bei 0,4 Milliardstel Gramm Dioxin pro Kilo Frischgemüse (entsprechend einem Achtel Zuckerwürfel in einem 3 Millionen Liter fassenden Supertanker). Wird dieser Wert bei einer Kontrolle überschritten, soll vorsorglich die Quelle der erhöhten Belastung gefunden und beseitigt werden.
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Die Menge macht das Gift
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