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SOZIALE SCHICHT ENTSCHEIDEND |
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Schätzungsweise 60 bis 70% unseres Körpergewichts gehen auf das Konto unserer erblichen Veranlagung, und die können wir nicht ändern. Deswegen werden Kinder von übergewichtigen Eltern eher dick als die Sprösslinge schlanker Erzeuger. Doch nicht jeder, der zuviel auf die Waage bringt, ist automatisch krank, schon gar nicht in jungen Jahren. Im Grunde ist völlig unklar, ab welchem Gewicht das Krankheitsrisiko eines Kindes steigt. Alle Kinder, die nicht der Norm entsprechen, zum Abspecken zu verdonnern, wäre nicht nur eine Diskriminierung, es grenzte schon an Misshandlung.
Einigkeit herrscht nur darüber, dass sich das Problem verschärft. Die Schuleingangsuntersuchungen bestätigen, dass es immer mehr dicke Kinder gibt. Allerdings ist der Anstieg nicht gleichmäßig verteilt. Es werden nicht unbedingt viel mehr Kinder dick, sondern die dicken Kinder werden immer dicker. Das Durchschnittsgewicht deutscher Schulkinder hat sich dagegen kaum verändert. Das bedeutet, dass es mehr dicke und mehr dünne Kinder und Jugendliche gibt. Wer die Ernährung der Jugend verbessern möchte, darf auch das Thema Untergewicht nicht ausklammern.
Wer die Zahlen weiter aufdröselt, stellt fest, dass es vor allem die Kinder aus Migrantenfamilien und aus niedrigen sozialen Schichten sind, die durch ihre Körperfülle auffallen. In Berlin stammen vier von fünf dicken Kindern entweder aus einer Einwanderungsfamilie oder aus einer deutschen Familie mit niedrigem oder mittlerem Sozialstatus. Bei Kindern aus deutschen Oberschichtfamilien findet sich Übergewicht nur halb so häufig. Sitzen immer mehr Migrantenkinder unter den Erstklässern, dann wundert es nicht, wenn bei den Schuluntersuchungen mehr Dicke gemeldet werden. Auch die derzeitige Verschärfung der sozialen Unterschiede in Deutschland wird sich auf die Gesundheit und die Entwicklung der Körpergewichte auswirken.
Das heißt: Wer Übergewicht bei Kindern verhindern oder vermindern will, muss die Maßnahmen sehr gezielt auf die betroffenen Familien und ihre spezifischen Lebensumstände abstimmen. Den Familien fehlt es zwar immer häufiger an Kochkenntnissen und Zeit für gemeinsame Mahlzeiten. Doch Vorträge über gesunde oder ökologisch korrekte Ernährung bei Elternabenden, zu denen nur die einheimischen und die gebildeteren Eltern kommen, nützen da wenig. Auch wird man das Thema mit zehnjährigen türkischen Mädchen anders aufarbeiten müssen als mit vierzehnjährigen deutschen Jungs.
Dafür sprechen die Ergebnisse der KOPS-Studie (Kieler Obesity Prevention Study): Sie belegt, dass Jungs und Mädchen unterschiedlich auf Ernährungsaufklärung reagieren und dass auch noch so gut gemeinte Hilfen in Familien mit niedrigem Sozialstatus mitunter das Gegenteil bewirken. So berichtet der Studienleiter Prof. Manfred Müller, dass sich nach einer entsprechenden Maßnahme das Übergewicht bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus eher verstärkt hat. Sorgen bereitet ihm auch, dass die Kinder aus den Oberschichtfamilien im gleichen Zeitraum zu wenig Gewicht zulegten. Um die sozialen Unterschiede nicht noch zu vertiefen und die körperliche Entwicklung der schlanken Kinder nicht zu gefährden, stellte Müller sein Schulprojekt vorläufig ein.
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Anzahl der Dicken unbekannt | Nicht-Fernsehen senkt Gewicht
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