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 DICKE KINDER
Kampf dem Übergewicht - nicht den Dicken
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KAMPF DEM ÜBERGEWICHT - NICHT DEN DICKEN
 




 

Die vielen Kampagnen, Plattformen und Initiativen zur Bekämpfung des Übergewichts im Kindes- und Jugendalter, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen, mögen gut gemeint sein. Sie dürfen jedoch nicht dazu führen, dicke Kinder und Jugendliche (noch) weiter zu diskriminieren – falls sich das überhaupt noch verhindern lässt. Schon vor Jahren änderte sich das gesellschaftliche Image der Dicken von der gemütlichen, verlässlichen, genussorientierten Frohnatur hin zum gefräßigen, unsportlichen und unästhetischen Dickwanst. Inzwischen mögen dünne Kinder nicht mehr so gerne mit ihren fülligeren Kameraden spielen. Das wahre Ausmaß der Katastrophe deutet aber das Ergebnis einer Umfrage unter deutschen Frauen an, von denen jede Fünfte angab, sie würden ihr Ungeborenes abtreiben lassen, wenn sie vor der Geburt erführe, dass es eine genetische Veranlagung zum Dickwerden hätte. Wen wundert es da noch, wenn sich dicke Kinder immer mehr zurückziehen, noch weniger mit anderen herumtollen, sich mit noch mehr Essen trösten und zunehmend unter Depressionen und Aggressionen leiden?

Dicksein mag unglücklich machen - Diskriminierung tut es auch
Die von Frau Künast mehrfach zitierte Untersuchung, wonach Kinder, die wegen ihrer Adipositas im Krankenhaus behandelt werden, ebenso unglücklich sind wie jene, die sich auf der Krebsstation einer Chemotherapie unterziehen müssen, sollte uns wachrütteln. Warum sind denn diese Kinder so unglücklich? Es liegt sicher nicht nur an ihrer Körperfülle oder den damit möglicherweise verbundenen Beschwerden. Es liegt auch daran, dass sie so wie sie sind, nicht akzeptiert werden. Unsere dem Schlankheitswahn verfallene Gesellschaft stigmatisiert und diskriminiert sie – ohne tatsächlich wirksame Hilfen anbieten zu können.

Hier liegt eine der größten Herausforderungen für die Medizin, die Familien, die Schule und die Gesellschaft. Denn auch wenn sehr dicke Kinder und Jugendliche therapeutische Unterstützung brauchen, dürfen wir ihnen nicht das Gefühl geben, sie seien schlechtere Menschen oder weniger liebenswert als ihre dünnen Geschwister und Schulkameraden. Wir haben kein Recht dazu.

Hungernlassen ist Misshandlung
Ebenso wenig dürfen wir ein Kind zum Hungern zwingen. Das wäre nicht nur eine große Demütigung, es würde auch nicht funktionieren, weil es jede Gelegenheit zum „Reinstopfen“ nutzen würde. Wir dürfen den dicken Kindern und Jugendlichen auch nicht vorschreiben, was ihnen zu schmecken hat oder sie alle zu einer fett- und zuckerarmen Gesundkost nötigen. Für dicke und dünne Kinder müssen in der Familie dieselben Regeln bei Tisch gelten. Annette Kast-Zahn weist in ihrem äußerst lesenswerten Buch „Jedes Kind kann richtig essen“ darauf hin, dass es auch einem dicken Kind erlaubt sein muss, sich gelegentlich zu überfressen.

Die Psychologin rät Eltern, ihrem dicken Sprössling niemals das Gefühl zu geben, man könne ganz leicht abspecken, wenn man sich nur genug anstrengt. Denn wenn ein Kind trotz vernünftiger Kost und ausreichend Bewegung dicker werde als seine Altersgenossen, dann habe es eben „genau die Figur, die seinen Anlagen entspricht“. Statt es weiter unter Druck zu setzen, sollten Eltern und Betreuer ihm zeigen, dass man sich auch mit einem fülligen Körper wohl fühlen kann. Sie sollten ihm dabei helfen, mit seiner Figur zurecht zu kommen und mit den unvermeidlichen Hänseleien fertig zu werden.

Die Folgen einer überzogenen Ernährungserziehung zeigen sich in den USA bereits deutlich. So berichtet die Ernährungswissenschaftlerin Francie Berg, dass sich Amerikas Kinder mittlerweile vor dem Essen fürchten. Die Angst, das Falsche zu essen oder dick zu werden, nehme manchen Kindern ihre unbeschwerten Jugendjahre und verderbe einigen das ganze Leben. Sie sei „eine Besessenheit, die ihre Freude ebenso dämpft wie ihre Wissbegierde, ihre Energie und ihren Sinn für das Normale“.