|
|
|
 |
 |
 |
 |
ÜBER RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN SPRICHT MAN NICHT |
 |
|
|
|
|
|
Unbestritten ist, dass sehr dicke (adipöse) Kinder häufiger durch Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen auffallen. Traten diese Krankheiten bislang überwiegend in der zweiten Lebenshälfte auf, so sehen Ärzte sie immer häufiger bei immer jüngeren Patienten. Diabetiker haben ein vierfach erhöhtes Infarktrisiko und ihre Blutgefäße, Nerven, Augen und Nieren leiden, je länger die Krankheit besteht. Diesen Kindern und Jugendlichen muss natürlich geholfen werden – die Frage ist nur wie. Zwar gibt es rund 200 Programme in Deutschland, die sich zum Ziel gesetzt haben, dicke Kinder abzuspecken. Doch wo sind die Erfolgsmeldungen?
Erfolge? Fehlanzeige! Sicher, in der Kur nehmen die meisten ab und lernen artig, Möhren zu schrappen und ihren Saft mit Mineralwasser zu verdünnen. Doch wer nach Langzeiterfolgen fahndet, sucht vergebens. So beklagt der Kinderarzt Prof. Martin Wabitsch von der Uni-Kinderklinik in Ulm das „weitgehende Fehlen von fundierten Therapiestudien“. Auch sei ein „längerfristiger Wirkungsnachweis der in Deutschland angebotenen Maßnahmen … nicht erbracht“. Das bedeutet im Klartext, dass zwar munter am Gewicht des Nachwuchses herumtherapiert wird, dass die langfristigen Folgen dieser Bemühungen aber nicht systematisch erfasst werden. Fakt ist: Es gibt bis heute kein nachgewiesenermaßen wirksames Konzept zur Vorbeugung oder dauerhaften Behandlung von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen.
Risiken bleiben - unabhängig vom Gewicht Das wäre halb so schlimm, wäre das Abspecken wenigstens ungefährlich. Dem ist nicht so. Schon die Erfahrung mit dicken Erwachsenen lehrt, dass beständiges Diäthalten eher dicker denn dünner macht, weil das zuvor Abgespeckte meist rasch wieder zugelegt wird und nicht selten gleich noch ein paar Pfund dazu kommen. Das nächste Problem: Wer als Kind dick war, hat zwar ein erhöhtes Risiko für verschiedene Erkrankungen im Erwachsenenalter. Dabei spielt es aber keine Rolle, ob man abnimmt oder nicht. Das erhöhte Risiko bleibt, unabhängig davon, wie viel man als Erwachsener wiegt.
Häufige Diäten erhöhen zudem das Risiko, an einer Essstörung wie Bulimie oder Magersucht zu erkranken. Tatsächlich sind immer mehr weibliche Teenager unterernährt, weil sie ständig auf Diät sind, rauchen oder Abführmittel missbrauchen. Einmal in die Essstörung hineingerutscht, ist es nicht leicht, wieder herauszukommen, denn es handelt sich keineswegs um banale Pubertätsneurosen, sondern um schwere Krankheiten, die nicht selten tödlich enden.
Als weitere unerwünschte Nebenwirkungen einer Behandlung nennt die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) die Entwicklung orthopädischer Probleme bei unangemessenen Bewegungstherapien und eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls durch die ständige Beschäftigung mit dem Gewicht. Daneben fördern vor allem fettarme Kostformen die Bildung von Gallensteinen – was die Experten jedoch nicht daran hindert, allen Übergewichtigen eine fettarme Kost zu empfehlen. Das erscheint besonders abstrus, weil weder die Wirksamkeit des Fettsparens zur Gewichtsreduktion belegt ist noch irgendein gesundheitlicher Vorteil einer fettarmen Ernährung bei ansonsten gesunden Kindern bekannt ist.
Wirksame Alternative? Der amerikanische Hormonexperte David Ludwig lässt dicke Kinder nicht Fett sparen, sondern lehrt sie, jene Kohlenhydrate zu meiden, die schnell ins Blut schießen: Limo, Cola, Weißbrot, Kartoffeln und zuckrige Süßigkeiten. Sie erhöhen den Blutzucker- und den Insulinspiegel, und Insulin fördert Hunger und Übergewicht. Wer bei Ludwig abspeckt, muss keine Fettaugen und keine Kalorien zählen, sondern darf „normalfett“ und statt zu vieler Kohlenhydrate etwas mehr Eiweiß essen. Erste Vergleichsstudien mit der üblichen Magerkost ergaben, dass die Jugendlichen mit Ludwigs System gut zurechtkommen und dass sie besser abspecken, obwohl sie sich satt essen dürfen. Das ist besonders wichtig, denn Kinder, die hungern, hören auf zu wachsen. Und diesen Nachteil können sie später nie wieder aufholen.
|
|