Guten Appetit!von
Ulrike Gonder
Hinter diesem Wunsch, der
bei uns gewöhnlich die Mahlzeiten einleitet, steckt
mehr als nur eine Floskel: Der Appetit spielt für unser
Essverhalten und für die Gesundheit eine nicht zu
unterschätzende Rolle. Auch wenn viele Menschen es als
puren "Luxus" empfinden, beim Essen einfach
ihrem Appetit zu folgen. Unser Appetit wird in der
Kindheit geprägt, und diese Prägung bestimmt spätere
Vorlieben und Abneigungen.
Woher kommt der Appetit?
Bekommen wir die Vorliebe
für Grünkohl und Pinkel mit in die Wiege gelegt?
Werden Linsen und Spätzle zur Leibspeise, weil wir sie
zuhause oft vorgesetzt bekamen? Mögen wir grüne Bohnen
mit Pfannkuchen, weil unsere Eltern sie auch gerne
aßen? Ist der Appetit etwas Erlerntes oder das Ergebnis
komplizierter Stoffwechselabläufe, also von der
Biologie bestimmt? Der Appetit wird in frühester
Kindheit "programmiert". Man stellt sich den
Prozess heute so vor, dass sich der kindliche Organismus
zweierlei "merkt": wie eine Speise schmeckt
und welche Wirkungen sie hat. Er lernt so, welche
Wirkung ein Lebensmittel mit einem bestimmten Geruch und
Geschmack auf seinen Körper ausübt: Ob es ihm gut
bekommt, ob es ihm hilft, gesund zu bleiben und welche
Nährstoffe es in welcher Menge liefert. So kann der
Körper später automatisch Appetit auf solche
Lebensmittel und Speisen entwickeln, die ihm das
liefern, was er gerade braucht.
Das schon kleine Kinder
einen sehr "guten" Appetit haben, der sie
zielsicher bei der Nahrungsauswahl leitet, konnte von
der amerikanischen Ärztin Clara Davis in den 20er
Jahren eindrucksvoll gezeigt werden. Sie führte am
Mount-Sinai-Krankenhaus in Cleveland ein Experiment mit
3 Jungen im Alter von 6 bis 9 Monaten durch, die
zunächst noch voll gestillt wurden. Nachdem die Jungen
sich an die neue Umgebung gewöhnt hatten, wurden sie
abgestillt und bekamen verschiedene Lebensmittel in
kleinen Schälchen auf einem Tablett angeboten. Davon
konnten sie probieren und soviel essen wie sie wollten.
Bei Bedarf half eine Kinderkrankenschwester beim Essen,
jedoch ohne die Kinder bei ihrer Auswahl zu
beeinflussen.
Es gab Äpfel,
Knochenmark, Fisch, Bananen, Eier, Innereien, Gemüse,
Fleisch von Lamm, Rind und Huhn, Vollkornmehle, Obst,
Sauermilch, Milch, Wasser und Orangensaft. Die
Lebensmittel wurden grob zerkleinert und ohne Gewürze
roh oder in Dampf gegart serviert. Es gab keinen Zucker,
keine Süßigkeiten und keine Verarbeitungsprodukte wie
Käse, Wurst, Brot oder Butter. Das Experiment lief
über 6 Monate, bei einem der Jungen über ein Jahr.
Nach zwei Wochen der
Eingewöhnung aßen alle Jungs selbständig mit den
Fingern. Jedes Kind traf eine andere Auswahl: Eines aß
besonders viel Milchprodukte, das Zweite viel Obst, das
Dritte etwa gleich viel Obst und Milchprodukte.
Auffallend war bei allen drei Buben der geringe
Getreideanteil. Die Kinder suchten sich offenbar genau
das aus, was ihr kleiner Körper brauchte und gut
verwerten konnte, denn sie entwickelten sich prächtig:
Dr. Davis beschreibt sie als "lachende, aktive,
glückliche Kinder, voller Pep".
Ein zweites Experiment
von Dr. Davis, bei dem sie 15 Kinder über 6 Jahre
hinweg beobachtete, kam zu den gleichen guten
Ergebnissen. Das zeigt, dass die Vorlieben, die jeder
Mensch hat, offenbar eine Funktion haben. Und es zeigt,
dass der Appetit sehr wohl dazu geeignet ist, eine
"vernünftige" Nahrungsauswahl zu treffen -
zumindest dann, wenn "vernünftige"
Lebensmittel angeboten werden!
Auch die
wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre lassen
darauf schließen, dass der Appetit überhaupt kein
"Luxus" ist, sondern einen biologischen Sinn
hat. Seine Entstehung beginnt bereits beim Fötus im
Bauch der Mutter. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass
Föten schon Gerüche erkennen, also die Eigenschaften
des Fruchtwassers wahrnehmen können. Wenn die Nahrung
der Mutter die "sensorische Qualität" des
Fruchtwassers beeinflusst, kann das ungeborene Kind an
Geruch und Geschmack der von der Mutter erprobten
Nahrung gewöhnt werden. Sein Appetit würde damit
individuell an das Nahrungsangebot des späteren
Lebensraumes angepasst.
Die Appetitprägung setzt
sich nach der Geburt durch das Stillen fort: Auch der
Geschmack der Muttermilch ändert sich durch das, was
die Mutter isst. Dadurch erlernt das Kind weitere
Geschmacksmuster, die ihm später bei der
Nahrungsauswahl helfen.
Wie gut sich diese
frühen Geschmackseindrücke einprägen, zeigte ein
Versuch mit 130 Jugendlichen und Erwachsenen, von denen
ein Teil gestillt, der andere Teil mit Flaschennahrung
ernährt worden war: Sie bekamen zwei Sorten
Tomatenketchup zum Probieren und sollten sagen, welches
sie vorziehen würden. Was sie nicht wussten und auch
nicht schmecken konnten: Eines der Ketchups enthielt
etwas Vanillin. Dieser Aromastoff wurde früher häufig
zur Geschmackskorrektur von Muttermilch-Ersatznahrung
eingesetzt. Und siehe da, die ehemaligen
"Flaschenkinder" bevorzugten viermal so
häufig den vanillinhaltigen Ketchup als Testpersonen,
die angaben, gestillt worden zu sein. Wir bleiben
offenbar bis ins Erwachsenenalter den
Geschmacksvorlieben treu, die wir in der Kindheit
erlernt haben.
Reis und Bohnen zum
Frühstück?
Die Geschmäcker sind
bekanntlich verschieden. Alleine die
Frühstücksgewohnheiten rund um den Erdball zeigen, dass
der Appetit durch die Kultur, in die wir hineingeboren
werden, entscheidend beeinflusst wird: Während in
Deutschland belegte Brote oder Brötchen zum Frühstück
beliebt sind, schwören Franzosen auf ein Croissant,
Engländer brauchen offenbar Schinken und Eier zum
Wachwerden, in Costa Rica kommen morgens Bohnen und Reis
auf den Tisch, Chinesen mögen Hefeklöße mit pikant
eingelegtem Gemüse und in Sri Lanka darf es
frühmorgens schon ein scharfes Currygericht sein. Diese
verschiedenen Nahrungspräferenzen zeigen, dass es nicht
eine einzige "richtige" Ernährung für alle
Menschen gibt: Während der Amazonasindio von gebratenen
Vogelspinnen schwärmt, lieben Europäer den Käse, der
für Chinesen nichts anderes als verdorbene Milch
darstellt. Dafür isst man im Reich der Mitte etwas, was
wir hierzulande als faule Eier bezeichnen würden. Der
optimale Gaumenkitzel ist demnach subjektiv und
kulturell geprägt. Unser Appetit bewegt sich in dem in
der Kindheit erlernten Rahmen.
"Moderne"
Lebensmittel
Die körpereigene
Regulation der Nahrungsauswahl über den Appetit
funktioniert mit traditionell verarbeiteten und
"einfachen" Lebensmitteln offenbar sehr gut -
doch sie scheint nicht immer zu funktionieren. Was
hätten die Kinder in Clara Davis´ Versuchen wohl
gegessen, wenn ihnen auch Gummibärchen, Limo und
Fertigmenüs angeboten worden wären? Die Auswirkungen
"moderner" Lebensmittelproduktion auf unseren
Appetit sind erstaunlicherweise kaum erforscht.
Der Lebensmittelindustrie
ist es inzwischen gelungen, traditionelle Lebensmittel
wie zum Beispiel Brot bei gleich bleibendem oder
ähnlichem Geschmack schneller und billiger herzustellen
als anno dazumal. Das heißt, die Zusammensetzung und
damit die Wirkung des Lebensmittels hat sich - vom
Kunden fast unbemerkt - verändert. Es gibt zahllose
Produkte, die aus wechselnden Rohstoffen hergestellt
werden, den vertrauten Originalen jedoch zum Verwechseln
ähnlich schmecken. Kann es da nicht sein, dass der
Appetit zeitweise "die Orientierung verliert"?
Wie soll der Körper denn reagieren, wenn er gerade am
Geschmack nicht mehr erkennen kann, welche Inhaltsstoffe
und Wirkungen mit einem Lebensmittel verbunden sind?
Es gibt übrigens noch
eine Methode, die körpereigene Appetitregulation
durcheinander zu bringen: Bei Diäten zur
Gewichtsabnahme verlässt man sich nicht mehr auf den
Appetit, sondern isst rein mit dem Verstand, oft nach
ausgeklügelten Plänen. Die Folge sind allzu häufig
Heißhungeranfälle und Ess-Störungen - Probleme, die
in unserer "modernen" Esswelt immer
gravierender werden.
Noch viele Rätsel
ungelöst
Warum wir essen, was wir
essen und was eine gesunde Ernährung ausmacht, wissen
wir trotz jahrzehntelanger Forschung noch immer nicht
genau. Die komplexen Zusammenhänge des Ökosystems
Körper und die steten Wandlungen der Lebensmittel geben
uns noch immer Rätsel auf. Sicher scheint heute jedoch,
dass Ernährung nicht bloß ein Versorgen des Körpers
mit Nährstoffen ist, sondern dass die Ernährung
Kommunikation bedeutet: Kommunikation zwischen den
Lebensmitteln, den Bedürfnissen des Organismus und den
Bakterien, die in unserem Darm mit uns in Symbiose
leben. Dabei wird immer klarer, dass kulturell
überlieferte Gerichte und traditionelle
Lebensmittelverarbeitungsverfahren einen biologischen
Sinn haben und dass der Appetit ein wichtiger Regulator
für eine angemessene Ernährung darstellt. In diesem
Sinne: guten Appetit!