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Genfood – russisch Roulette?
von Brigitte Neumann
Kartoffeln sind gesund. Doch könnten sie nicht noch gesünder
werden? Na klar, da muss nur die Gentechnik ran. Sie nimmt ein
paar zusätzliche Erbinformationen – vielleicht die der
Ballaststoffe aus dem Vollkornbrot – und transferiert sie in die
Kartoffel. Entstanden ist die Ballaststoff angereicherte
Kartoffel. Wirklich die gesündere Version – oder nur ein
gentechnisches Abführmittel?
Während die mit Ballaststoffen angereicherte Kartoffel noch
Zukunftsmusik ist auf dem Markt der so genannten „zweiten
Generation“ gentechnischer Produkte, gelang einem deutschen
Forscher in der Schweiz bereits die Züchtung von Reis mit
besonders viel ß-Carotin. Das kann im Körper zu Vitamin A umgebaut
werden. Mit diesem Reis soll nach seinen Vorstellungen den ärmsten
der armen Kinder Asiens geholfen werden. Viele von ihnen erblinden
als Folge einer unzureichenden Vitamin-A-Versorgung. Genfood als
Nahrungsmittel der Zukunft gegen den Hunger und den Mangel in der
Welt?
Faszinierend ist das Spiel mit den Genen: Impfstoffe im Tabak,
mehr ß-Carotin im Rapsöl, Isoflavone im Broccoli und immer wieder
die Kartoffel: mal mit verbessertem Eiweißanteil, mal mit
Antidurchfall-Genen, mal mit Antigenen gegen Autoimmunerkrankungen
wie Diabetes oder Arthritis.
Keine Entwicklung ohne Risiko
Doch bei aller Faszination darf die wirtschaftliche Seite der
Medaille nicht unbeachtet bleiben. Gentechnologen sehen in der
Entwicklung neuer Produkte mit gesundheitsfördernden und
qualitätsverbesserten Eigenschaften eine reelle Chance, endlich
auf mehr Akzeptanz in breiten Kreisen der Bevölkerung zu stoßen.
Alle bisherigen Produkte, ob Zusatzstoffe von genveränderten
Mikroorganismen oder transgene Pflanzen mit Herbizid- und
Insektizidresistenz, brachten dem Verbraucher keine sichtbaren
Vorteile. So konnte die Diskussion um die neue Technologie
weitgehend von Emotionen und Meinungen bestimmt werden. Lautstarke
Proteste gegen die Einfuhr von Gen-Soja aus den USA als Viehfutter
für europäische Kühe spiegeln die Stimmungslage wieder.
Die Befürworter der Gentechnik argumentieren, eine sachliche
Risikoabwägung zeige, dass sich die Risiken der Grünen Gentechnik
kaum von denen konventioneller Produktion oder Züchtung
unterscheiden.
Im Vordergrund der Bedenken steht die Angst vor der Zunahme an
Allergien durch die Entwicklung neuer Eiweiße oder den stetig
wachsenden Einsatz von Enzymen in der Nahrungsmittelproduktion.
Diese Gefahr besteht, denn jedes Eiweiß ist auch ein Allergen,
d.h. es besitzt das Potential eine allergische Reaktion
hervorzurufen. Gleichzeitig bietet die Gentechnik aber die Chance,
Allergie auslösende Eiweiße aus Pflanzen herauszunehmen – und
damit möglicherweise dem Allergiker auf Haselnüsse in naher (oder
weiter) Zukunft die allergiefreie Haselnuss zu offerieren.
Als weiterer Risikofaktor werden so genannte Positionseffekte
genannt. Wo und wie oft ein fremdes Gen in die Erbinformation
eingebaut wird, bleibt nach wie vor dem Zufall überlassen. Dadurch
können sich die Eigenschaften einer Pflanze negativ verändern,
beispielsweise durch eine vermehrte oder neue Bildung von
Pflanzengiften oder durch eine Reduktion des Nährstoffgehaltes.
Dazu sagt der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde:
„Bei den beschriebenen Positionseffekten handelt es sich wiederum
nicht um gentechnik-spezifische Risiken: Jede neue Tomaten- oder
andere Gemüse- oder Fruchtsorte, die klassisch gezüchtet wird,
birgt dieselben, wenn nicht sogar höhere Risiken.“ Beispielsweise
erlebte man in der Vergangenheit immer wieder unangenehme
Überraschungen bei der konventionellen Züchtung von Kartoffeln: In
neuen Sorten erwies sich der Gehalt an Solanin, einem Abwehrstoff
gegen Fraßfeinde und auch giftig für den Menschen, als so hoch,
dass diese Sorten untauglich für die menschliche Ernährung waren
und gar nicht erst auf den Markt kamen.
Mit Antibiotika-Resistenzgenen kann man den erfolgreichen Einbau
eines neuen Gens testen. Reagiert der „neue“ Organismus nicht auf
die Gabe von Antibiotika, ist also resistent dagegen, ist das
Experiment geglückt. Doch stellen diese Gene in Nahrungsmitteln
ein Gesundheitsrisiko dar. Sie könnten im Verdauungstrakt
freigesetzt und auf Darmbakterien oder Krankheitserreger
übertragen werden, so dass diese ebenfalls resistent gegen
Antibiotika werden. Damit wäre die erfolgreiche Therapie bei
Erkrankung an einem bakteriellen Infekt gefährdet.
Biotechnologie-Firmen sind bereits fündig geworden auf der Suche
nach neuen, harmloseren Marker-Genen. Sie brachten in transgene
Maispflanzen ein Marker-Gen für ein Enzym, das die Verwertung des
Zuckers Mannose-6-phosphat ermöglicht. Um den erfolgreichen Einbau
des gewünschten Gens nachweisen zu können, kann jetzt der Zucker
Mannose anstelle eines Antibiotikums verwendet werden.
Mittlerweile können Marker-Gene nach dem gewünschten
Züchtungsergebnis durch Rückkreuzung sogar wieder entfernt werden.
Versuchskaninchen
Genfood - also doch ein Genuss ohne Reue? Gesundheitsfördernde
Nahrungsmittel – mehr Chance als Risiko? Eine Risikobewertung geht
immer von einer persönlichen Grundeinstellung aus. Je mehr
Vorteile erkennbar sind, desto höher ist im allgemeinen auch eine
Bereitschaft zum Risiko. Mit der „zweiten Generation“ der
Gentechnik-Pflanzen bekommt der Verbraucher den Vorteil genannt,
der für viele Menschen immer wichtiger wird: die Förderung der
Gesundheit durch Ernährung. Damit hoffen die Forscher der Grünen
Gentechnik nun auf den großen Durchbruch in der Akzeptanz der
Verbraucher. Auch unserem Bedürfnis nach größtmöglicher Sicherheit
wird Rechnung getragen: Gentechnische Produkte unterliegen
strengen gesetzlichen Regularien. Eine umfassende chemische,
toxikologische und ernährungsphysiologische Untersuchung mit
anschließender Bewertung durch Experten muss erfolgen. Die
Zulassung darf nur gegeben werden, wenn nach Stand von
Wissenschaft und Technik eine Gefährdung von Mensch und Tier
ausgeschlossen werden kann. Ein allergenes Potential neuer Eiweiße
muss auf alle Fälle vor dessen Einführung überprüft werden.
Also werden wir dank Gentechnik hoffentlich bald genussvoll unser
gesundheitsförderndes Mahl mit ballaststoffreichen Kartoffeln an
allergiereduziertem Kräuterquark mit ß-carotin-gesättigtem Rapsöl
verzehren? Ein Gedanke sollte noch genannt sein, bevor die
Gen-Euphorie um sich greift: Trotz aller absoluten Zahlenspiele in
Wissenschaft und Forschung über den Bedarf an
gesundheitsfördernden Wirkstoffen weist selbst die Deutsche
Gesellschaft für Ernährung darauf hin, dass der individuelle
Bedarf nur geschätzt werden kann. Wie unser Körper auf die
ständige Zufuhr hoher Wirkstoffdosen reagieren wird, unterliegt
weitgehend Vermutungen. Andererseits existieren feine
Regelmechanismen, nach denen unser Organismus über Generationen
gelernt hat, aus der „ganz normalen Kartoffel“ genau die Menge an
Wirkstoffen zu nutzen, die der Gesundheit zugute kommen. Genfood –
Genuss ohne Reue? Gentechnik-Produkte der „zweiten Generation“
lassen den Esser zum biotechnologischen Versuchskaninchen werden –
mit allen Chancen und mit allen Risiken.
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