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Magere Indizien gegen fette Speisen
von Brigitte Neumann
„Fit ohne Fett”. Für die meisten ist die Aussage längst zu einer
Binsenweisheit geworden, viele mühen sich tagtäglich, möglichst
wenig von diesem Nährstoff zu essen. Übergewicht,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tumorbildungen werden einem
erhöhten Fett-Konsum angelastet.
Längst lässt der Verzicht auf Fett den Dollar rollen. In den USA
stehen über 15.000 fettarm deklarierte Produkte im Angebot der
Lebensmittelläden; Milliarden von Dollar fließen jährlich in
Werbekampagnen, um die Bevölkerung vom Nutzen der fettarmen
Nahrungsmittel für Gesundheit, Schönheit und Schlankheit zu
überzeugen. Auch bei uns hat der Trend zum fettarmen Produkt die
Warenregale erobert.
Wer dennoch zuschlägt bei Sahne und Co, isst oft mit schlechtem
Gewissen. Denn er „versündige” sich an seiner Gesundheit,
verkünden unisono viele Ernährungsexperten. Sie berufen sich auf
die Wissenschaft, nach der der Zusammenhang zwischen der Höhe des
Fettverzehrs und der Entstehung der so genannten
Zivilisationskrankheiten gesichert sein soll. Die tatsächliche
Entwicklung hingegen zeigt: Obwohl in den vergangenen drei
Jahrzehnten die reale Fettaufnahme gesunken ist, nahm im gleichen
Zeitraum die Zahl der Todesfälle an Herz-Kreislauf-Erkrankungen
nicht ab und die Zahl der Übergewichtigen deutlich zu.
Der regelrecht Kampf gegen das Fett begann mit der „Fresswelle“
der Nachkriegsjahre. Parallel zu Kartoffelsalat, Würstchen und
Schwarzwälder Kirschtorte nahmen die so genannten
Zivilisationskrankheiten zu. Was lag näher, als der “falschen”
Ernährung die Schuld in die Schuhe zu schieben?
Schlechtes Gewissen – gut geschmiert
Es schlug die Stunde der Ernährung als Wissenschaft. Gemessen,
gewogen und zu schwer befunden wurden all jene, die sich das Essen
schmecken ließen und das Ergebnis im Gewicht widergespiegelt
bekamen. In den Bereich der „Sünde” verbannte man tatsächlich
alles Essbare, das fett war. Der amerikanische Forscher David
Kritchevsky veröffentlichte 1958 das erste Buch über Cholesterin
mit den einleitenden Worten “Wir fürchten weder Gott noch die
Kommunisten. Wir fürchten das Fett”. Gegen das Fett kämpften
Gesundheitspolitiker, Journalisten, Ärzte – und große Teile der
Bevölkerung. Ebenso plötzlich wie sie begannen, endeten die Zeiten
unbefangenen Schlemmens. Wenn schon genießen, dann wenigstens mit
schlechtem Gewissen.
Gesundheitspolitiker profilierten sich fortan durch das Aufstellen
von Regeln zur gesunden Ernährung. Energiearm, vor allem fettarm
sollte sie sein. Die Wirksamkeit zu testen blieb keine Zeit, denn
schließlich musste ja schnell gehandelt werden. Menschen essen nun
mal in der Regel mehrmals täglich. Also setzte man lieber auf
Überzeugungskraft statt auf Wissenschaft.
Doch über einen 11-jährigen Zeitraum gelang es einer
US-amerikanischen Forschungsgruppe nicht, den
gesundheitsfördernden Effekt von fettarmer Ernährung zu belegen.
Nachdem vier Projektleiter nacheinander ihr Amt niedergelegt
hatten, gestanden die Experten der Gesundheitsbehörde ein, dass
die Aussagen von gestern heute keine Gültigkeit mehr hätten.
Volltreffer ins Fettnäpfchen
Ob ein Verzicht auf Butter und Sahne oder der Ersatz tierischer
Fette durch pflanzliche Öle doch vor koronaren Herzerkrankungen
schützt, wollten Forscher der Universität Manchester wissen. Sie
werteten nahezu 17.000 Studien der letzten 35 Jahre zum Einfluss
des Fettverzehrs auf die Gesundheit aus. Gerade einmal 27
Untersuchungen hielten den Auswahlkriterien der Wissenschaftler
stand. Sie kamen insgesamt zu dem Ergebnis, dass trotz
jahrzehntelanger Bemühungen und Tausender ausgewählter
Versuchspersonen bis heute kein negativer Einfluss des Verzehrs
von cholesterinreichen Fetten wie Butter, Eigelb oder Sahne auf
die Entstehung von koronaren Herzerkrankungen nachgewiesen werden
kann.
Die Wissenschaftler der Universität von Hawaii setzen noch eins
drauf: Über einen zwanzigjährigen Zeitraum beobachteten sie den
Verlauf der Sterberaten in Abhängigkeit zur Höhe des
Cholesterinspiegels bei Senioren. Und siehe da: diejenigen mit
einem höheren Cholesterinspiegel hatten die höhere
Lebenserwartung.
Aber bitte mit Sahne?
Vorbei also die Zeiten, in denen bei jedem Messerstich Butter
auch das schlechte Gewissen zuschlägt? Fette in der Ernährung gar
zur Steigerung der Lebenserwartung? In erster Linie geht es doch
eigentlich gar nicht um die Frage, wie viel Butter, Sahne und Öl
gegessen werden darf. Wenn nun die Wissenschaft endlich gezeigt
hat, dass der Verzicht auf Fett nicht gesünder erhält, ist das
doch längst eine Binsenweisheit für jene, die auch vorher schon
überzeugt waren, das Gesundheit und Krankheit mehr sind als Essen
und Trinken.
Natürlich liefert Fett konzentrierte Energie – und wer davon zu
viel aufnimmt, kann Probleme mit dem Gewicht bekommen.
Gleichzeitig sättigen fettere Speisen länger, liefern wertvolle
fettlösliche Vitamine und erleichtern deren Aufnahme über den
Darm.
Die Ergebnisse der Fettforschung offenbaren jedoch etwas ganz
anderes: Die Untersuchung eines einzelnen Nährstoffes bringt nur
sehr unzulängliche Erkenntnisse über dessen Wirkung auf unseren
Organismus. Denn wir ernähren uns nun mal nicht von Fett pur. Wir
essen die Leberwurst mit Brot und den Sahnehering zu Kartoffeln..
Entscheidender als auf das Gramm Fett zu schauen ist es deshalb,
abwechslungsreich zu essen und zu genießen – und aufzuhören, wenn
man satt ist.
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