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Die Milch macht´s: starke Knochen oder
Mittelohrentzündung?von
Ulrike Gonder
Die Frage, ob der Konsum von Kuhmilch
den Menschen gesünder oder kränker macht, gehört zu den
beliebtesten und schier endlos disputierten Reizthemen
der Ernährungsszene. Die Deutsche Gesellschaft für
Ernährung (DGE) empfiehlt: „Trinken Sie täglich
mindestens einen Viertel Liter fettarme Milch und essen
Sie zwei Scheiben Käse. So stellen Sie sicher, dass Ihr
Körper genügend Calcium bekommt, das er für Wachstum und
Knochenbildung benötigt.“ (1) In der Tat gibt es
wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass eine
mangelhaft Versorgung mit dem Mineralstoff Calcium mit
einem erhöhten Risiko für Skeletterkrankungen (z.B.
Osteoporose, Rachitis) einhergeht. Deswegen empfiehlt
die DGE gleich, ein ganzen Gramm pro Tag mit der Nahrung
zu verzehren. (1)
Aus dem Lager der Milchgegner hören wir dagegen, dass
neben dem gehäuften Auftreten von Mittelohrentzündungen
bei Milch trinkenden Kindern, die „mit dem Genuss von
Milchprodukten verbundene Schleimbildung“ ein
ernstzunehmendes Problem darstellt (2). Das klingt nicht
gut. Einmal skeptisch geworden, müssen wir uns fragen
lassen: „Warum in aller Welt sollen Menschen die Milch
der Kühe trinken? ... Die Kuhmilch wurde für einen
einzigen Zweck und nur für diesen geschaffen, nämlich
für die Fütterung der arteigenen Nachkommen.“ (2) Das
klingt plausibel – und doch sind die daraus gezogenen
Schlüsse falsch!
Richtig ist, dass die Natur die Kuhmilch nur für Kälber
vorgesehen hat und nicht für den Menschen. Doch Möhren,
Nüsse oder Kohlrabi wachsen auch nicht extra für uns,
auch diese Nahrung „rauben“ wir anderen Lebewesen.
Wollten wir nur das essen, was die Natur für uns
vorgesehen hat, müssten wir von der Muttermilch auf (Süd-)Früchte
umsteigen – und das wär´s gewesen.
Muttermilch ist einleuchtend, aber
warum Früchte? Weil Bananenstauden, Kiwi-Sträucher und
Apfelbäume sich eine besondere Strategie zur Verbreitung
ihrer Samen ausgedacht haben: Sie umgaben sie mit einem
süßen, duftenden Fruchtfleisch, das insbesondere
Säugetiere wie Affen, Pferde, Bären oder eben Menschen
anzieht. Die verzehren die nahrhaften Früchte mit dem
großem Vergnügen und scheiden die unverdaulichen Samen
andernorts wieder aus, umgeben von einem ordentlichen
Dunghaufen als „Startkapital“. So konnten die
Obstgewächse sicherstellen, dass ihre Samen eine
möglichst gute und weite Verbreitung erfahren. Insofern
sind viele Früchte von der Natur „extra“ für Säugetiere
wie den Menschen gemacht. (3)
Am Äquator mag es noch gelingen, nur von Früchten zu
leben, doch im kalten europäischen Winter war eine reine
Früchtekost früher schlicht unmöglich und heute wäre sie
wahrlich kein Vergnügen - einmal ganz davon abgesehen,
dass sie für Kinder gefährlich einseitig ist und auch
bei Erwachsenen zu Mangelerscheinungen führen kann.
Außerdem leben die meisten Menschen auf dieser Erde von
einer gemischten Kost, auch die Naturvölker.
Damit ist aber noch immer nicht der endlose Streit um
die Milch entschieden. Dabei ist die Frage längst
geklärt: Marvin Harris, ein amerikanischer Anthropologe
und Querdenker hat eine plausible Antwort gefunden. Sie
beginnt mit einem entschiedenen „Es kommt darauf an
...“: Ob Milch „gut“ oder „schlecht“ ist, hängt einzig
damit zusammen, ob sie bzw. der darin enthaltene
Milchzucker vertragen wird.
Die Fähigkeit des menschlichen Organismus, Milchzucker (Lactose)
zu verdauen, das heißt in seine beiden Bestandteile
aufzuspalten, ist genetisch bedingt. Sie variiert mit
unserer Hautfarbe und mit dem Breitengrad unseres
Wohnortes. Wie kam Harris darauf? Ihm fiel auf, dass die
hellhäutigen Skandinavier Milch lieben und gut
vertragen. Für Chinesen stellt sie dagegen ein Ekel
erregendes Drüsensekret dar. Und fast alle
dunkelhäutigen Afrikaner vertragen gar keine Milch, weil
ihnen das Enzym (Lactase) fehlt, das für die Verdauung
des Milchzuckers nötig ist. Sie sind „lactoseintolerant“
und bekommen Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall,
falls sie doch davon trinken.
Normalerweise bildet der Darm der Säugetiere nach der
Entwöhnung von der Muttermilch immer weniger von dem
Lactose-spaltenden Enzym, so dass ausgewachsene
Säugetiere Milch nicht mehr gut vertragen. Das änderte
sich beim Menschen vor etwa 10.000 Jahren, als er in die
nördlichen Regionen der Erde vordrang: Dort bedrohten
ihn Knochenleiden wie Rachitis und Osteomalazie, denn
für ein gesundes Skelett ist neben der Calciumzufuhr
wichtig, dass der Mineralstoff auch vom Körper verwerten
werden kann. Für die Verwertung des Calciums aus der
Nahrung benötigen wir entweder Vitamin D oder Lactose.
Während die Menschen in warmen Gegenden mit Hilfe der
Sonnenstrahlen genügend Vitamin D in ihrer Haut bilden
konnten und die Küstenbewohner durch den Verzehr von
Fisch viel Vitamin D aufnahmen, gab es im Binnenland der
nordischen Länder Probleme: Infolge der geringen
Sonnenscheindauer und der notwendigen dickeren Kleidung
konnten die Menschen nur wenig Vitamin D bilden. Und
Lactose hatten bis dahin nur Säuglinge mit der
Muttermilch erhalten.
Zwei genetische Besonderheiten sorgten im Laufe der
Generationen für Abhilfe: Zum einen setzte sich im
Norden eine immer helle Haut durch, so dass die wenigen
Sonnenstrahlen optimal zur Vitamin-D-Bildung genutzt
werden konnten. Andererseits hatten jene „Mutanten“
einen Vorteil, die auch als Erwachsenen noch Milchzucker
vertragen konnten. Denn sobald es gelungen war, gezähmte
Tiere zu melken, konnte deren Milch genutzt werden. Sie
liefert nicht nur große Mengen Calcium, sondern auch
reichlich verdauungsfördernde Lactose.
In anderen Regionen der Erde entschied umgekehrt die
Verfügbarkeit der Milch über die Lactosetoleranz der
erwachsenen Bevölkerung. Denn überall dort, wo
Weidewirtschaft gut möglich war, finden sich auch
lactosetolerante Erwachsene, wie das Beispiel
ostafrikanischer Nomadenvölker zeigt. Chinesen sind
dagegen nicht auf die Milch als Calciumspender
angewiesen und meist lactoseintolerant: Sie essen viel
calciumhaltiges Blattgemüse und Sojaprodukte, haben mehr
Sonnenschein, und ihre Landwirtschaft eignet sich nicht
gut zur Rinderhaltung.
In Indien wiederum, mit seiner landwirtschaftlichen
Abhängigkeit vom Rind als Zugtier, vertragen trotz der
relativ hohen UV-Intensität erheblich mehr Menschen
Milch. Die Gene für die Bildung des
Milchzucker-spaltenden Enzyms sind in der erwachsenen
Bevölkerung heute umso verbreiteter, je mehr Milch in
der Vergangenheit getrunken wurde. (4) Offenbar ist es
so, dass erwachsene Menschen nur dort Milchzucker
vertragen, wo es die ökologischen Gegebenheiten
erforderten.
Wer sich einmal ohne Scheuklappen im Bekanntenkreis
umsieht, wird feststellen, dass es da sowohl Quark- und
Joghurtfans gibt als auch Milch- und Käsehasser – und
dazu noch alle möglichen Zwischenstufen. Und genau das
ist die Realität: Manche Menschen mögen Milch, andere
nicht, manche vertragen sie gut, anderen geht es ohne
besser. Deswegen lässt sich die „Milchfrage“ leicht
beantworten: Wer Milch (und Milchprodukte) verträgt, für
den sind sie gehaltvolle, nährstoffreiche Lebensmittel.
Sie liefern viel leicht verdauliches Eiweiß, daneben
etwas Vitamin D und K, B6 und B2 sowie Mineralstoffe und
Spurenelemente, allen voran Calcium für gesunde Knochen
und Zähne.
Wer sie nicht verträgt, dem nützen die ganzen schönen
Inhaltsstoffe nichts! Denn Menschen mit einer
Lactose-Intoleranz können auch das Calcium aus der Milch
kaum verwerten. So erklären sich auch die
Erfahrungsberichte einiger Ärzte, wonach es
Lactose-intoleranten Osteoporose-Patienten in der Tat
besser geht, wenn sie die Milch weglassen. Von einer
Milchzucker-Unverträglichkeit sind allein in Deutschland
rund 10 Prozent der Bevölkerung betroffen, in südlichen
Regionen bis zu 99 Prozent. Diese Menschen sollten die
Finger von der weißen Flüssigkeit lassen und auch von
den Milchprodukten nur das essen, was sie wirklich gut
vertragen.
Das heißt ...
- Milch und Milchprodukte sind
für jene, die sie vertragen und die sie mögen,
gehaltvolle Lebensmittel mit leicht verdaulichen
Inhaltsstoffen. Die Verzehrsmengen und die
Fettgehalte sollten sich am Appetit und am
Geschmack orientieren, nicht an irgend welchen
„offiziellen“ Regeln.
- Wer keine Milch verträgt,
sollte die Finger davon lassen, und vermehrt
dunkelgrünes Gemüse, Orangen, Sojaprodukte und
Nüsse essen, die ebenfalls Calcium enthalten. Auch
manche Mineralwässer können zur Versorgung
beitragen.
- Sollte es aufgrund einer
Erkrankung zu einem Calcium- oder Vitamin-D-Mangel
gekommen sein oder stellt ein Arzt eine zu geringe
Calcium-Zufuhr fest, gibt es wirksame Präparate
zur Nahrungsergänzung.
- Niemand muss Milch trinken oder
Käse essen, wenn er es nicht mag! Alle anderen
dürfen sie ruhigen Gewissens genießen.
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Literatur:
- DACH-Referenzwerte,
DGE (Hrsg): Frankfurt 2000
- Diamond, H und M:
Fit für´s Leben, Fit for Life. Goldmann 1990
- Pollmer, U et al:
Prost Mahlzeit! Kiepenheuer & Witsch 2001
- Harris, M:
Wohlgeschmack und Widerwillen. dtv 1995
- EU.L.E. (Hrsg):
Eulen-Spiegel Nr. 5/1998
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