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Essen in der Nonstop-Gesellschaft
Die prekäre Balance zwischen gelungenem und
gehetztem Leben
von Manuel Schneider
Alles, was dauert, dauert uns grundsätzlich zu lang.
Dies gilt auch für das Essen und unseren Umgang mit
Lebensmitteln. Der Überfluss in den Regalen des
Supermarktes steht in merkwürdigem Kontrast zu dem
chronischen Mangel an Zeit, die wir für Kochen und
Essen aufbringen. Das hastige Essen hastig
zubereiteter Speisen ist jedoch nicht ohne
Alternativen. Eine Erinnerung an die parallelen
Esswelten, in denen wir leben.
Essen ist in aller Munde. Selten zuvor wurde so viel
geredet und geschrieben über das Essen und seine
Folgen – und das nicht erst seit BSE. Kulinarisches
und Kalorisches füllt die Spalten der Gazetten.
Ernährungsratgeber und Kochbücher boomen auf dem
Buchmarkt wie nie zuvor.
Wo viel geredet und geschrieben wird, herrscht
offenbar Ratlosigkeit. Die Zeiterfordernisse und die
Hektik des modernen Lebens sind Feinde nicht nur des
guten Lebens, sondern auch des guten Essens. Wer hat
schon noch die Zeit, wie früher auf den Wochenmarkt
zu gehen, "frische Sachen" einzukaufen und sie zu
einem Mahl zuzubereiten – geschweige denn, dieses
dann auch noch in Ruhe und Muße zu sich zu nehmen?!
Praktischerweise nimmt uns die
Lebensmittelindustrie, von der bereits rund
Dreiviertel unserer Nahrungsmittel stammen, das
meiste ab: von der geschälten Kartoffel im Glas bis
hin zum fertigen mehrgängigen Menü, das dank
Mikrowelle schneller fertig als der Tisch gedeckt
ist (weshalb man letzteres am besten gleich bleiben
lässt).
Die Banalität des
Schlaraffenlandes
Es ist daher kein Widerspruch, wenn die noch nie da
gewesene Informationsflut in Sachen Ernährung mit
einer ebenfalls noch nie da gewesenen Banalisierung
des Essens Hand in Hand geht. "Alles muss jederzeit
und überall möglichst rasch und bequem verfügbar
sein!" Das ist die Maxime, der sich die
Lebensmittelindustrie und ihre Klientel (wir alle)
mit großer Inbrunst verschrieben haben. Mit Erfolg,
wie ein Blick in die überfüllten Regale eines gut
sortierten Supermarktes zeigt: Alles ist da, was man
sich nur wünschen kann, der Parmaschinken ebenso wie
das "Überraschungsei von Kinder-Schokolade".
"Paradiesische Zustände", die noch wundersamer
werden durch den Umstand, dass die Lebensmittel - je
mehr von allem und von überall her - von Jahr zu
Jahr immer erschwinglicher werden. Nur noch rund 15
Prozent unseres Nettoeinkommens - etwa gleichviel
wie fürs Auto - geben wir im Schnitt für unsere
Ernährung aus. Noch vor 30 Jahren war der Anteil
mehr als doppelt so hoch.
Lebensmittel sind – zumindest für uns reiche Länder
des Nordens – grenzenlos verfügbar. Obst und Frucht
wachsen längst jenseits von Zeit und Raum. Irgendwo
auf diesem Globus ist immer gerade Saison, so dass
uns Verbraucherinnen und Verbrauchern der Sinn fürs
Saisonale weitgehend abhanden gekommen ist. Alles
ist jederzeit verfügbar: die Erdbeeren zu
Weihnachten, der Spargel zu Sylvester.
Dies geht nur, weil unsere Lebensmittel offenbar
genau so wenig sesshaft sind wie wir. Sie haben
etwas merkwürdig Nomadenhaftes an sich. Obwohl in
den letzten 30 Jahren nicht bedeutend mehr
Lebensmittel konsumiert wurden, hat sich der
Transportaufwand in der gleichen Zeit fast
verdoppelt. Die gleiche Menge an Lebensmitteln wird
also doppelt so weit transportiert. Jeder kennt die
subventionierten Transportrituale in der EU, die
zahllosen Umwege, die sich offenbar lohnen, um aus
einem Schwein eine Wurst und aus der Milch einen
Käse zu machen. “Fuertoventura-Flugtomate” – mit
diesem Etikett wirbt man bei uns für Tomaten, die
spätestens innerhalb von 48 Stunden nach der Ernte
den Weg in die Ladentheke des Supermarktes gefunden
haben. "Lebensmittel scheinen erst dann als
genießbar zu gelten", so vermutet Christine von
Weizsäcker, "wenn sie mehr als hundert Kilometer
gereist sind. Erst ab etwa tausend zurückgelegten
Kilometern können sie als Delikatesse gelten."
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„Genieß mal schnell!“
Mit dem Überfluss in den Regalen werden anscheinend
auch die kulturellen und sozialen Regeln des Essens
überflüssig: Wo man hinblickt, ist eine
Entrhythmisierung und Entritualisierung des Essens
zu beobachten. Wir entwickeln uns zunehmend zu dem,
was die Fachleute „situative Einzelesser“ nennen.
Das Frühstück z.B. nehmen 40 Prozent der Menschen in
Ländern wie Deutschland alleine zu sich. Und selbst
beim Mittag- und Abendessen, den ehemals geselligen
Mahlzeiten, sitzt bereits ein Viertel der
Bevölkerung allein vor dem Teller. Das ist zunächst
nicht weiter verwunderlich, nimmt doch die Anzahl an
Single-Haushalten und "Eigenbrötlern" in unserer
Gesellschaft rapide zu. Aber auch in den Familien
wird immer mehr allein gegessen. Kaum einem gelingt
es noch, die unterschiedlichen Tagesrhythmen bzw.
Taktzeiten von berufstätigen Vätern, ebensolchen
Müttern und schulpflichtigen Kindern unter einen Hut
bzw. Kochdeckel zu bringen: nacheinander statt
miteinander essen wird dann zur Regel. Es ist vor
allem die Mikrowelle, die es jedem Familienmitglied
ermöglicht, "just in time" die eigenen Bedürfnisse
zu befriedigen.
Ohne die soziale Bindekraft der gemeinsamen Mahlzeit
verliert das Essen jedoch generell an Bedeutung.
Pausen, die Mahlzeiten im Tagesablauf sein können,
verwischen in unserer "Nonstop-Gesellschaft". Essen
wird etwas für nebenher und zwischendurch: ein
Schokoriegel hier, ein Hamburger dort. Amerikanische
Forscher hat dies offenbar an die Nahrungsaufnahme
von Kühen erinnert; sie sprechen bereits vom „grazing“,
einer Kultur des ständigen „Grasens". Diese
Einstellung hat sich laut dem Magazin DER SPIEGEL
mittlerweile jeder zweite Bundesbürger zueigen
gemacht. In den USA seien es bereits zwei Drittel
der Bevölkerung. Der typische Fast-Food-Konsument
wird von dem ZEIT-Vorkoster Wolfram Siebeck als
jemand charakterisiert, der isst, „wie man ein Auto
auftankt"“ Es dauert übrigens auch kaum länger:
Zwischen zweieinhalb und vier Minuten verstreichen
im Durchschnitt zwischen dem ersten und dem letzten
Bissen in eine Hamburger-Mahlzeit. Und nach
spätestens zehn Minuten hat man das Lokal im Schnitt
wieder verlassen. Gemessen wurde dies in Wien. In
den USA soll es übrigens eine Hamburger-Kette geben,
die sich gleich den Namen "Eat and Run" gegeben hat.
Da mag es beruhigend sein, dass die Natur offenbar
nicht alles mitmacht und in weiser Voraussicht
retardierende Momente in unseren Stoffwechsel
eingebaut hat. Denn würden wir ebenso beschleunigt
verdauen wie wir essen, wäre Durchfall der
Normalfall.
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Re-Infantilisierung des Essens
Der wirtschaftliche Boom des schnellen und bequemen
Essens macht unser aller Erwartung deutlich, eine
"verbrauchsfertige Welt" vorzufinden, in der alles
für den Konsum fix und fertig parat ist. Alles muss
zu jeder Zeit verfügbar sein - und zwar sofort.
Wehe, wenn dem nicht so ist. Wenn wir eines sind,
dann ungeduldig. Eine Charaktereigenschaft, die aus
uns postmoderne Zappelphilipe und -philipinnen
gemacht hat. Alles, was dauert (das Lesen von Essays
wie diesen z.B.), dauert uns grundsätzlich zu lang.
Zeit gilt per se als Zeitverzögerung. Die Erfüllung
muss dem Wunsch dicht auf den Fersen folgen. Dafür
sind wir dann auch bereit, nicht das Beste, sondern
nur das Nächstbeste zu wählen.
Eine Ungeduld übrigens, die man eigentlich nur von
quengelnden Säuglingen und Kleinkindern kennt, und
die mich zu der - zugegebenermaßen gewagten -
tiefenpsychologischen Vermutung geführt hat, dass
viele von uns das "Grasen" durch die
Konsumlandschaften deshalb als so attraktiv
empfinden, weil es sie womöglich an die Mutterbrust
erinnert: jenen Ort des schnellen und bequemen
Essens, der einem die Ur-Erfahrung permanenter
Verfügbarkeit und Unerschöpflichkeit beschert hat –
wenn auch auf Kosten kulinarischer Vielfalt und
Wahlmöglichkeit. Fast Food und Convenience Food sind
so betrachtet Ausdruck einer zunehmenden
Re-Infantilisierung des Essens, die allenfalls noch
übertroffen wird durch die vor allem abends zu
beobachtende Fütterung erschöpfter Stadtbewohner
durch Pizza- und sonstige Heimservices.
Parallele Esswelten
Obwohl die Ernährung zunehmend in postmoderne
Zeitmuster der Beschleunigung, Entrhythmisierung und
Pausenlosigkeit gezwängt wird, haben wir es dennoch
nach wie vor mit einem alltäglichen Erfahrungsfeld
zu tun, das vielfältige Alternativen zum kollektiven
Schweinsgalopp aufzeigt. Alternativen, die zunehmend
gesehen und auch gelebt werden. Dies gilt auch dann,
wenn den Branchen des schnellen Essens die größten
Wachstumsraten prophezeit werden und McDonald´s in
diesem Jahr weltweit alle vier Stunden ein neues
Restaurant eröffnet. Denn dieser Trend ist zwar
dominant, jedoch nicht gänzlich ungebrochen.
Ich denke da weniger an die viel beschworene
Slow-Food-Bewegung, eine Protestbewegung, die ihrem
Namen alle Ehre macht und entsprechend langsam in
die Gänge kommt. Sondern eher an die parallelen
Esswelten, in denen die meisten von uns leben: unter
der Woche das hastige Essen hastig zubereiteter
Speisen, am Wochenende dann die geradezu libidinöse
Besetzung des Kochens und Essens, sei es in Form
ausgeklügelter Menüfolgen, sei es in Form eines eher
schlichten Mahles, angereichert lediglich mit viel
Zeit und guten Freunden.
Die Essprofile in unserer Gesellschaft sind alles
andere als einheitlich und in sich kohärent.
Vielmehr zeichnen sich die meisten von uns durch
einen souveränen Umgang mit Gegensätzen aus, die man
nur deshalb nicht als Widerspruch empfindet, weil
sie zeitlich voneinander getrennt sind und subjektiv
jeweils anderen "Welten" zugeschrieben werden: dort
das Alltagshandeln mit seinem eng geschnürten
Zeitkorsett, hier der Chronotop des Samstagabends,
wo wir alle Zeit der Welt zu haben scheinen. So
fällt uns der fliegende Wechsel zwischen Fast Food
und Feinkost, zwischen Frittenbude und Fresstempel,
den viele von uns alltäglich und allwöchentlich
vollziehen, kaum noch als etwas besonderes auf.
Problemlos bewegen wir uns zwischen den denkbar
größten kulinarischen Kontrasten hin und her:
gleichermaßen fasziniert und angezogen von der
Schlichtheit und legeren Ungezwungenheit des Fast
Food wie von der "Neuen Umständlichkeit" der Haute
Cuisine.
Mag einem auch an dieser, der "gehobenen Küche",
manches übertrieben und überhöht vorkommen: etwa
dann, wenn aus Esskultur wieder ein Esskult gemacht
wird, wenn nicht mehr das Essen, sondern seine
Inszenierung im Zentrum aller Bemühungen steht. Sie
zeigt jedoch, dass wir beim schnellen Leben und
schnellen Essen offenbar emotional unterernährt
bleiben und dass es noch Restbestände an Sehnsucht
in unserer Gesellschaft gibt, die sich an ein
gelungenes Mahl knüpfen. Sehnsucht nach Muße,
Geselligkeit und gutem Geschmack.
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Auskosten von Zeit
In diesen seltenen, aber glücklichen Momenten
überfällt uns die Ahnung, dass durch Zeitkontrolle
und Beschleunigung im Dienste der effizienten
Daseinsgestaltung der Lebensstandard zwar steigen
mag, die Lebensqualität jedoch eher abnimmt. So
bilden jene Reste von Esskultur, die wir uns
erhalten bzw. neu erworben haben, einen Streif der
Hoffnung - nicht am fernen Horizont, sondern eher im
"toten Winkel" unseres beschleunigten Alltagslebens.
Sie bilden gleichsam den Grünstreifen auf der
Autobahn des schnellen Essens und schnellen Glücks.
Schmal, aber immerhin: Denn hier - beim gemeinsamen
und genussvollen Kochen, Essen und Trinken - machen
wir Zeiterfahrungen an Leib und Seele, die wir uns
sonst nicht mehr gönnen:
-
So erfahren wir zum Beispiel, dass der Rhythmus
der Mahlzeiten ein Innehalten und
"Zu-sich-selbst-Kommen" im Getriebe des Alltags
wieder ermöglicht;
-
wir erleben, dass Warten und Sich-Gedulden nicht
gleichzusetzen sind mit zeitlichem Leerlauf, dass
sie vielmehr Voraussetzung allen Gelingens und
Vorgeschmack auf den Genuss sind;
-
wir spüren, dass das vermeintliche Verschwenden
von Zeit für das Kochen und Essen auch als ein
"Auskosten von Zeit" verstanden und gelebt werden
kann;
-
und wir erfahren, dass die Wiederaneignung von
Zeit im gemeinsamen Mahl zu-gleich eine
Wiederaneignung des Sozialen bedeuten kann.
Warum sollte es nicht möglich sein, derlei
wochenendlicher Erfahrungen gelebter Zeit auch in
den Alltag hinüberzuretten, um damit nicht nur die
eigenen Sehnsüchte wieder ernster zu nehmen, sondern
auch die Schizophrenie von gelungenem und gehetztem
Leben ein wenig erträglicher zu gestalten!? Es mag
vielleicht überraschen, aber gerade der stereotype
Einwand, für all dies habe man unter der Woche keine
Zeit mehr, dürfte am wenigsten treffen. Wer wie wir
Deutschen im Schnitt 3,5 Stunden am Tag vor dem
Fernseher sitzt, und sei es nur, um den telegenen
Vorkostern wie Alfred Biolek beim Kochen
zuzuschauen, ist offenbar reichlich mit freier Zeit
gesegnet. Wie so oft im Leben stellt sich auch hier
weniger die Frage, ob wir können, was wir wollen,
als vielmehr, ob wir auch wirklich wollen, was wir
könnten.
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Anmerkung
Der Text basiert auf einem umfangreicheren Essay,
der unter dem Titel „Tempodiät. Über Lebensmittel
und Lebensqualität“ erschienen ist in: SCHEIDEWEGE -
Jahresschrift für skeptisches Denken, Jahrgang 26,
1996/97, S. 296-312. Dort auch Anmerkungen und
weitere Literaturhinweise.
Zum Autor
Dr. Manuel Schneider, geb. 1959, studierte
Philosophie und Geschichte in Köln und München.
Promotion in Philosophie. 1989 bis 2001 für die
Schweisfurth-Stiftung (München) tätig, zuletzt als
wissenschaftlicher Geschäftsführer.
Seit 1994 Mitglied der Tutzinger Projektgruppe
„Ökologie der Zeit“. Ab 2002 Aufbau eines freien
Projektbüros für Stiftungen und andere gemeinnützige
Organisationen.
Bisherige Arbeitsschwerpunkte: Philosophische
Anthropologie, Natur- und Tierethik, (Zeit-)Ökologie,
Landwirtschaft, Ernährung und Nachhaltige
Entwicklung.
Kontakt:
Dr. Manuel Schneider
Projektbüro !make sense!
Daiserstr. 15
81371 München
Fon ++49/(0)89/767589-55, Fax –56
E-Mail
manuel.schneider@make-sense.org
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