von Gesine Berger und Ulrike Gonder
Kulinarisch hat sich das kleine Städtchen in letzter Zeit
ganz schön verändert: Das Bistro neben dem Kino bietet überbackene Nachos
mit feurigem Dip an, in dem ehemals schlecht gehenden Restaurant an der Ecke
muss man, seit dort der Inder eingezogen ist, einen Tisch vorbestellen, und
die Konkurrenz schräg gegenüber lockt schon auf der Straße mit
orientalischen Düften. Das Straßenbild spiegelt wieder, was sich im Privaten
längst durchgesetzt hat: Viele Menschen lieben scharf gewürztes Essen und
genau das zeichnet z.B. die asiatische und die mexikanische Küche aus. Chili
ist das meist verwendete Gewürz Mexikos, das auch in asiatischen
Gewürzmischungen neben Ingwer, Pfeffer und Paprika den Ton angibt. Woran
liegt es, dass diese Gewürze so beliebt sind?
Wo der Schmerz schmeckt
Von der Zunge melden verschiedene Geschmacksnerven die
Empfindungen süß, salzig, sauer und bitter ans Gehirn. Neben den Rezeptoren
für den Geschmackssinn gibt es noch ein weiteres Wahrnehmungssystem, das so
genannte Trigeminale System: Lust und Leid sind eng mit dem Trigeminusnerv
verbunden. Er kann schier unerträgliche Schmerzen verursachen, die Menschen
bis zum Selbstmord treiben. Die Nervenenden des Trigeminus sind auf allen
Teilen der Zunge zu finden, auch in der Nase und den Augen. Sie vermitteln
außer Schmerz auch Hitze- und Kälteempfindungen an das Gehirn. Die
Scharfstoffe in Gewürzen sind ebenfalls in der Lage, diese Sensoren zu
stimulieren. Besonders stark wirksam ist das Capsaicin aus Chili und
Paprika. Eine ähnliche Substanz findet sich in der Ingwerwurzel, und Pfeffer
enthält den Wirkstoff Piperin.
Es scheint paradox: Auf der einen Seite bringen diese
Stoffe den Mund zum Brennen, führen zu Schweißausbrüchen und treiben Tränen
in die Augen, und auf der anderen Seite erfreuen sie sich großer
Beliebtheit. Nicht nur, dass diejenigen, die daran gewöhnt sind, Gerichte
ohne scharfe Gewürze als fade empfinden. Sie brauchen das Chili auch, um
überhaupt etwas zu schmecken.
"Chili High": Lust und Schmerz
Ein australischer Wissenschaftler ist dem Rätsel auf die
Spur gekommen. Was wir als scharf wahrnehmen, ist eigentlich ein
Schmerzeindruck. Wie in allen Stress-Situationen reagiert der Organismus
darauf, indem er körpereigene Opiate ausschüttet, die so genannten
Endorphine. Sie helfen, den Stress zu ertragen, indem sie unsere
Schmerzempfindung herabsetzen, und ähneln in ihrer Struktur den Opiaten
Morphin und Heroin. Ihre Erforschung begann 1973: Sehr zum Erstauen der
Wissenschaftler hatte man im menschlichen Gehirn spezifische Bindungsstellen
für Morphin entdeckt. Wozu um alles in der Welt braucht der Mensch in seinem
Gehirn Rezeptoren für Drogen? Die Antwort klang zuerst unglaublich: Die
Bindungsstellen sind da, weil der Körper selbst in der Lage ist, Opiate zu
bilden. Den Beweis dafür erbrachten schottische Forscher 1975. Sie
isolierten körpereigene Stoffe, die exakt in diese Rezeptoren passten. Die
Substanzen wurden Endorphine genannt, ein Kurzwort für endogen (= im Körper)
gebildete Morphine. Das Faszinierende daran: Genau wie Morphin und Heroin
erzeugen Endorphine über die Schmerzregulation hinaus ein Gefühl von Glück
und Zufriedenheit - einen Zustand, nachdem wir alle trachten und den wir
möglichst lange zu erhalten versuchen. Das erklärt, weshalb viele Menschen
regelrecht süchtig nach scharfem Essen sind.
Die Vorstellung, von körpereigenen Opiaten abhängig zu
werden, ist ungewöhnlich. Auch in der Wissenschaft hat man jahrelang daran
gezweifelt. Heute ist dieses Phänomen längst bekannt, z.B. im Zusammenhang
mit der Lust am Joggen. Körperliche Höchstleistungen führen zu einer
Ausschüttung von Endorphinen, die den Jogger in den Zustand des "Runners
High" versetzen können. Das macht verständlich, warum es immer wieder Leute
gibt, die vom Laufen nicht loskommen. Damit sind allerdings auch Gefahren
verbunden: Im Zustand des "Endorphinrausches" spürt man starke Schmerzen
nicht mehr, so dass im Extremfall Symptome eines drohenden Infarktes infolge
einer Überanstrengung nicht wahrgenommen werden. Das könnte dem griechischen
Meldeläufer vor 2500 Jahren zum Verhängnis geworden sein, der von Marathon
nach Athen lief, um die Nachricht vom Sieg der Griechen über die Perser zu
überbringen. Gleich nach seiner Ankunft brach er tot zusammen.
Killer-Chili
Die aufgeführten Beispiele über Abhängigkeiten sollen
eine Vorstellung geben, was körpereigene Stoffe bewirken können. Die Lust an
scharfen Gewürzen, das "Chili-High", zeigt, dass eine Gewöhnung möglich ist.
Ihren Konsum in vielen Ländern der Erde allein auf ein Suchtverhalten
zurückzuführen, wäre allerdings falsch. Scharfstoffe besitzen weitere
Eigenschaften, die erklären, warum sie vor allem in heißen und armen Ländern
so beliebt sind. Das im Chili und in der Paprika enthaltene Capsaicin tötet
Darmparasiten ab, und der Scharfstoff Piperin des Pfeffers ist ein potenter
Insektenkiller. Insofern ist ihre Verwendung in Gebieten, in denen die
hygienischen Bedingungen nicht optimal sind und keine entsprechenden
Arzneimittel zur Verfügung stehen, äußerst sinnvoll und verständlich. Andere
Komponenten in Gewürzen, zu denen die ätherischen Öle zählen, besitzen
ebenfalls antibakterielle Eigenschaften und unterstützen dadurch die Wirkung
der Scharfmacher.
Chili wird überall dort reichlich den Speisen zugesetzt,
wo es sehr heiß werden kann und gerade bei Hitze fällt es schwer, Appetit zu
entwickeln. Scharfe Gewürze können dem entgegenwirken. Sie regen die
Verdauung an, indem sie die Durchblutung im Magen und Darm stimulieren und
die Verdauungssekrete locken. Dass wir bei dem Verzehr einer thailändischen
Suppe Schweißausbrüche erleiden, hat noch einen weiteren Vorteil: Der
fein perlige Schweiß verdunstet und kühlt den Körper angenehm ab!