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Was der Schmied verträgt ...
von Ulrike Gonder
... zerreißt den Schneider, sagt ein altes Sprichwort. Offenbar
ließ sich früher die körperliche Konstitution eines Menschen sehr
gut seinem Beruf zuordnen. Doch die Zeiten haben sich gründlich
geändert. Heute müssen die meisten Berufstätigen nur leichte oder
mittelschwere Tätigkeiten verrichten, egal, wie muskulös oder
schlacksig ihr Körperbau ist. Daraus ergeben sich besondere
Anforderungen an die Ernährung im beruflichen Alltag, die sowohl
schmecken und satt machen als auch gesund und schlank erhalten
soll. Wandeln wir also das alte Sprichwort ein bisschen ab, damit
es zur heutigen Arbeits- und Esswelt passt: Was Bauarbeiter und
Fahrradkuriere vertragen, bringt Büroangestellte und Kraftfahrer
zum Platzen.
Der große Unterschied ...
... betrifft in erster Linie den Energieverbrauch. Der setzt sich
aus zwei Hauptkomponenten zusammen, dem Grundumsatz und dem
Arbeits- oder Leistungsumsatz. Der Grundumsatz bezeichnet die
Kalorienmenge, die der Körper braucht, um am Leben zu bleiben und
die Organe funktionsfähig zu halten. Er ist individuell sehr
unterschiedlich und unter anderem abhängig von Alter, Geschlecht
und Körpergewicht. Der Leistungsumsatz richtet sich nach dem
Ausmaß der körperlichen Aktivität: Wer körperlich schwerer
arbeitet, sei es nun im Beruf oder in der Freizeit, benötigt auch
mehr Energie.
Sowohl die Fach- als auch die Publikumspresse warten mit
zahlreiche Tabellen und Rechenbeispiele zum Energieverbrauch auf.
Beispielsweise werden bei einem 40jährigen Durchschnitts-Mann
1.740 kcal für den Grundumsatz veranschlagt. Verrichtet er eine
überwiegend sitzende Tätigkeit, wie etwa ein Laborant, kommt ein
„Arbeitsaufschlag“ von ca. 60% (rund 1.000 kcal) dazu, insgesamt
benötigt er also etwa 2.800 kcal pro Tag. Treibt dieser Laborant
vier- bis fünfmal die Woche etwa eine Stunde Sport, dürfen pro Tag
noch einmal 30% mehr Kalorien (rund 500 kcal) auf dem Teller
landen, insgesamt also etwa 3.300 kcal.
Als grobe Faustregel kann man davon ausgehen, dass
normalgewichtige Männer bis 35 Jahre als Bürokaufmann etwa 2.600
kcal pro Tag verbrauchen, als Kfz-Mechaniker 3.200 kcal und als
Maurer 3.800 kcal. Für gleichaltrige Frau können 2.200 kcal pro
Tag bei allen Büro-Berufen veranschlagt werden, 2.800 kcal für
Hausfrauen und etwa 3.400 kcal für körperlich aktive Berufe wie
etwa Gärtnerinnen.
Allerdings dürfen alle diese Zahlen lediglich als grobe
Orientierung genutzt werden, denn sie wurden anhand von
Durchschnittswerten normal großer und normal schwerer Menschen mit
„wünschenswerter körperlicher Aktivität“ berechnet. Der
tatsächliche Energiebedarf ist jedoch individuell sehr
unterschiedlich. So kann der Grundumsatz selbst bei Menschen mit
gleichem Körpergewicht um 1.000 Kilokalorien voneinander
abweichen. Deshalb gilt für den Einzelfall: Vergessen alle
Durchschnittswert-Tabellen. Bleibt Ihr Gewicht konstant, stimmt
auch die Energiebilanz.
Je mehr jemand essen kann ohne zuzunehmen, desto leichter ist es
für ihn, sich gesund und abwechslungsreich zu ernähren, denn er
kann aus der gesamten Palette der Lebensmittel auswählen.
Schwerarbeiter sowie Freizeit- und Leistungssportler haben es in
dieser Hinsicht am leichtesten. Leichtarbeiter haben es dagegen
schwerer, insbesondere wenn sie zum Fettansatz neigen: Sie
brauchen zwar ebenso viele Vitamine und Mineralstoffe und wollen
ebenso gerne satt werden, müssen dies aber mit einer deutlich
geringeren Kalorienmenge erreichen. Um dieses Problem zu lösen,
sollten sie zwei Strategien anwenden: Unbedingt für mehr Bewegung
sorgen und Lebensmittel bevorzugen, die viele Nährstoffe bei wenig
Kalorien liefern. Das bedeutet in erster Linie bei Getränken wie
Limo, Cola und Alkoholika sowie bei Fett- und Zuckerbomben (Chips,
Törtchen, Schokoriegel, Currywurst mit Pommes rot-weiß) zu sparen.
Dafür darf bei mageren, vitamin- und mineralstoffreichen
Lebensmitteln kräftig zugelangt werden: Obst und Gemüse,
Kartoffeln und Getreideprodukte, Milchprodukte, magere Wurstsorten
und Fleisch.
Voller Bauch schafft nicht gern – ein leerer Magen aber auch
nicht
Es fällt nicht immer leicht, die guten Vorsätze für eine gesunde
Ernährung umzusetzen. Das Angebot in Kantinen und Raststätten
stimmt nicht immer mit den Bedürfnissen überein, aus Zeitmangel –
ob nun real oder vorgeschoben – fällt das Frühstück oft aus, und
es wird keine Pausenverpflegung eingepackt. Irgendwann kommt dann
der Hunger – und es ist nichts „Vernünftiges“ zur Hand. Die
Konzentration lässt nach, die Leistungskurve fällt ab, der Kunde
„nervt“ plötzlich nur noch. Der hastige Griff zu Süßem und Fettem
ist vorprogrammiert, dem schlechten Gewissen folgt alsbald neuer
Appetit.
Für einen gelungenen Berufsalltag ist das auf Dauer kein Zustand,
weder für Kopfarbeiter oder Führer großer Maschinen, die sich
viele Stunden am Tag konzentrieren müssen, noch für Handwerker
oder Radkuriere, die bei ihrer körperlich anstrengenden Arbeit
kein „Hungerloch“ gebrauchen können. Mit etwas Vorplanung und
einer geschickten Kombination aus Mitgenommenem und der
Außer-Haus-Verpflegung lassen sich diese Klippen des Berufsalltags
erfolgreich umschiffen.
- Ein guter Start
Wer morgens partout kein Frühstück mit Brot, Käse, Wurst,
Marmelade oder Ei herunterbekommt, sollte wenigstens etwas Obst
naschen oder ein paar Schlucke Saft, Milch, Kakao oder
Trinkjoghurt zu sich nehmen, um nicht mit leerem Magen in den
Berufsalltag zu starten. In fest verschließbare Gefäße gepackt
und mit einem Trinkhalm versehen, können die Getränke auch auf
dem Weg zur Arbeit verzehrt werden. Wer ganz „ohne“ startet,
läuft Gefahr alsbald hungrig und zappelig zu werden – und zu
Süßigkeiten zu greifen, die jedoch nur kurz vorhalten und keinen
vollwertigen Ersatz für Frühstück oder Pausenmahlzeit
darstellen. Unser Gehirn braucht zwar ständig Kohlenhydrate zur
Energieversorgung, die sollten aber vorwiegend aus Gemüse, Obst,
Brot oder Haferflocken stammen und nicht aus Schokoriegeln. Auch
der anregende Effekt von Kaffee wirkt nur vorübergehend, ein
Zuviel macht fahrig und unkonzentriert.
Vor allem die „Frühstücksmuffel“ sollten für eine ausgewogene
Pausenverpflegung sorgen. Das können von zuhause mitgebrachte,
belegte Wurst- und Käsebrote sein oder eine Quarkspeise mit
Obst. Auch Reste vom Vortag, wie kalter Braten mit Gurkensalat,
eignen sich gut, weil sie viele Nährstoffe liefern, ohne schwer
im Magen zu liegen. Einige Kantinen bieten bereits eine recht
ordentliche Pausenverpflegung mit frischem Obst, Säften,
Milchprodukten, Wurst- und Käsebroten oder Salaten mit
Geflügelfleisch an. Wenn es noch an gesunden Alternativen fehlt,
empfiehlt es sich, immer wieder einmal nachzufragen und um eine
Ergänzung des Angebotes zu bitten. Selbst wenn sich „nur“
belegte Brötchen organisieren lassen, können frisches Obst,
Salate und Gemüse zur Ergänzung von zuhause mitgebracht werden.
In jeder Büroetage gibt es mittlerweile eine Teeküche, die mit
einem Kühlschrank zur Aufbewahrung ausgestattet ist.
Wer allerdings weiß, dass es in der Firma von früh bis spät
hektisch zugeht und kaum Zeit zum Essen bleibt, der sollte
versuchen, morgens auf jeden Fall gut zu frühstücken, um für die
Anstrengungen des Tages gewappnet zu sein. Denn bei knurrendem
Magen fehlt nicht nur die Energie zum Arbeiten und die
Konzentration lässt nach, auch die Stimmung sinkt in den Keller.
Wenn es zwischendurch mal ganz schnell gehen muss, ist eine
Handvoll Nüsse ein guter Kraft- und Nährstoffspender. Für den
Abend sollte dann aber ein abwechslungsreiches warmes Essen
eingeplant werden, das hoffentlich mit Genuss und in entspannter
Atmosphäre gegessen werden kann.
- Sitzungsmarathon und Überstunden
Wer kennt sie nicht, die obligatorischen Keks-Teller im
Sitzungsraum. Egal, wie lange das Meeting dauert und wie sehr
der Magen knurrt, ein vernünftiges Essens-Angebot ist noch immer
die Ausnahme. Bestenfalls wenn Gäste erwartet werden, bringt die
Kantine oder der Partyservice Häppchen. Selbstverständlich soll
sich niemand während einer wichtigen Sitzung den Magen voll
schlagen. Um jedoch Leistungstiefs und gereizte Stimmung zu
vermeiden, sollte der Keks-Teller wenigstens durch einen
Obstteller ergänzt werden. Im Zeitalter des „Finger-Food“ sollte
es außerdem keine Kunst sein, kleine nahrhafte Happen
bereitzustellen, die ohne Besteck und Geklecker zwischendurch
verspeist werden können: Mini-Würstchen, Pumpernickeltaler mit
Frischkäse, Quark oder Leberpastete bestrichen und ein paar
Cocktail-Tomaten wären schon ein guter Anfang. Vielleicht lässt
sich der Teamchef auch zu einer kurzen Pause erweichen, in der
wenigstens ein Süppchen oder ein nahrhafter Salat angeboten
wird.
Wenn das alles nicht umsetzbar ist, empfiehlt es sich, kurz vor
der Sitzung noch ein belegtes Brot oder ein Joghurt zu essen und
ein Glas Wasser oder Saftschorle zu trinken, denn auch ein
Mangel an Flüssigkeit kann die Leistungsfähigkeit
beeinträchtigen. Am besten die Erinnerungsfunktion des Handys
oder des PCs auf zehn Minuten vor Sitzungsbeginn einstellen,
dann geht die rettende Zwischenmahlzeit nicht vergessen.
- Unterwegs in der Fremde
Fernfahrer, Handwerker auf Montage und Geschäftsreisende haben
ganz andere Probleme, denn sie sind zum überwiegenden Teil auf
das angewiesen, was ihnen in Gast- und Raststätten, in Hotels,
an Tankstellen und Imbissen angeboten wird. Und das entspricht
nicht oft den Anforderungen an eine moderne Ernährung, ist
vielfach zu fett und geschmacklich nicht sehr ansprechend.
Allerdings muss zur Ehrenrettung der Gastronomie und vor allem
der Raststätten und Tankstellen gesagt werden, dass schon vieles
besser geworden ist: Nicht nur das Ambiente, sondern auch das
Angebot an frischem Obst und frischen Salaten mit und ohne
Fleischbeilage. Statt reichhaltiger Menüs können einzelne
Komponenten nach Belieben kombiniert werden. Wer auf die
Kalorien achten muss, sollte bei Fleischgerichten lieber auf
Kurzgebratenes oder Gegrilltes als auf Braten mit Soße
zurückgreifen und eine große Portion Gemüse oder Salat dazu
wählen. Statt immer nur Pommes oder Kroketten bieten sich
Ofenkartoffeln mit Quark oder eine Scheibe Brot als Beilage an.
- Nachtschicht und Jet lag
Der Mensch ist von Natur aus ein Tag-aktives Wesen. Wer zur
„falschen“ Zeit arbeiten oder sich berufsbedingt ständig anderen
Zeit- und Klimazonen anpassen muss, ist daher extremen
Belastungen ausgesetzt. Wird dann auch noch das Verdauungssystem
mit schweren oder blähenden Speisen belastet, drohen bleierne
Müdigkeit, Schlafstörungen und Leistungstiefs. Ideal nach einer
Nachtschicht oder einer anstrengenden Reise ist daher eine
leichte aber nährstoffreiche Mahlzeit mit zartem Gemüse oder
Salat, magerem Fleisch oder Milchprodukten sowie etwas Obst.
Auch an kalorienarme Getränke sollte gedacht werden, vor allem,
wenn auf Reisen oder bei der Arbeit stark geschwitzt wird.
Ob Sekretärinnen im Dauerstress, Fernfahrer in
Zeitnot oder Managerinnen mit 16-Stunden-Tagen, die Anforderungen
sind heute in fast allen Berufssparten hoch. Eine angemessene und
bedarfsgerechte Ernährung kann dazu beitragen,
- die Belastungen des beruflichen Alltags
besser zu verkraften,
- Leistungstiefs und Konzentrationsschwächen zu
vermeiden,
- Hungerlöcher und Heißhungerattacken auf Süßes
gar nicht aufkommen zu lassen und
- das Wohlbefinden zu steigern.
Das, was am Arbeitsplatz und unterwegs fehlt,
sollte daher unbedingt von zuhause mitgebracht werden. Der
Zeitaufwand lohnt sich und lässt sich mit etwas Übung und Planung,
mit Hilfe von Tiefgekühltem und einem Mikrowellenherd minimieren.
Was richtig und bekömmlich ist und wie viel Mahlzeiten am Tag
ideal sind, lässt sich jedoch nicht in starre Regeln fassen.
Gesunde Ernährung ist etwas individuelles. Jeder muss seinen
persönlichen Weg finden, zu der ihm angemessenen
Mahlzeitenhäufigkeit und zu den Lebensmitteln und Gerichten, die
ihm gut schmecken und gut bekömmlich sind, weil sie seiner
körperlichen Konstitution entsprechen. Insofern ist das alte
Sprichwort vom Schmied und vom Schneider bis heute gültig. |
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