|
Å
Wenn Glaube und Politik die Schokolade versalzen
Die ängstliche Gesellschaft hat Verdauungsstörungen – trotz
gesunder Ernährung. Eva Balzer und Matthias Heitmann empfehlen:
eine ordentliche Portion Realitätssinn, garniert mit einer
kräftigen Prise Verstand und einem wohlwollenden Schuss
Gelassenheit.
Wer die Debatten über die Lebensmittelskandale der letzten
Monate verfolgte, fühlte sich zuweilen in eine rückständige
Epoche der Menschheitsgeschichte zurückversetzt: Scheiterhaufen
in Großbritannien, Massenschlachtungen in ganz Europa; eine
wachsende Schar von Menschen, die den Lebensmittelproduzenten
nicht mehr vertraut und das tägliche Essen als unkalkulierbares
Risiko auffasst. Hinzu kommt eine politische Elite, die, anstatt
sich um wichtige gesellschaftliche Fragen zu kümmern, die
„Rechte“ von Legehennen schützen möchte und vorgibt, eben erst
den Verbraucherschutz erfunden zu haben. Dass da so manchem der
Appetit vergangen ist, verwundert wenig.
Problematisch ist, dass in diesem Strudel der Aufgeregtheiten
die Realität der deutschen, europäischen und weltweiten
Lebensmittelversorgung fast unbeachtet bleibt. Zur Befürchtung,
die Qualität unserer Lebensmittelversorgung sei
besorgniserregend, besteht jedenfalls kein Anlass. Noch nie in
der Geschichte konnten so viele Menschen so gut ernährt werden
wie heute, und das bei einer nie da gewesenen Qualität und
Produktivität der Landwirtschaft. Viele Krankheiten, die früher
auf Mangelernährung, schlechte Hygiene oder schädliche
Zubereitungsweisen zurückzuführen waren, sind zurückgedrängt
oder ausgerottet worden. Das Durchschnittsalter der Menschen
steigt, und die Zahl der Hungernden geht weltweit zurück. Zudem
machen zahlreiche technische Innovationen Appetit auf mehr: Die
Vorstellung, dass wir mit weniger Natur- und Energieverbrauch
mehr Nahrung erzeugen können, ist längst Wirklichkeit.
<Seitenanfang>
Verunsicherung kommt nicht beim
Essen
Wenn also nicht aus dem Suppentopf, der Tiefkühltruhe oder der
Burger-Maschine, woher stammt der Missmut und die
Appetitlosigkeit, wenn man aufs Essen zu sprechen kommt? Erst im
gesellschaftlichen Kontext wird deutlich, dass die Debatten über
Ernährung von Trends geritten werden, die mit Essen nichts zu
tun haben. So ist die Bereitschaft, stets vom Schlimmsten
auszugehen und sein Heil im Ruf nach verschärfter Sicherheit zu
suchen, keineswegs eine besondere Geschmacksnote der
Ernährungsdiskussion. Ob es nun die immer wieder beschworene
rechte Gefahr, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, der
Zuwachs der ausländischen Wohnbevölkerung oder aber der Unfall
in einer Chemiefabrik sind: Beständig gilt der GAU als geradezu
unvermeidbare Konsequenz menschlichen Handelns, das es deshalb
stärker zu reglementieren gilt. In diesem Klima der
Verunsicherung und des Misstrauens genügt schon eine kleine
Panne, um beispielsweise den Ruf nach grundlegenden
Veränderungen des Nahrungsmittelproduktions- und
-kontrollsystems anschwellen zu lassen.
Die öffentliche Meinung ist in diesem Klima sehr anfällig
geworden für Irrationalismen und Dramatisierungen: Anstatt die
Ursachen und Folgen der Maul- und Klauenseuche (MKS) und des
Rinderwahnsinns (BSE) sachlich zu erörtern und zu klären, was
Wissenschaft und Landwirtschaft unternehmen können, erschienen
beide Begriffe rasch als Vorboten des nahenden Armageddons.
Beinahe reflexartig wurde die vermeintliche Unkontrollierbarkeit
moderner Agrarbetriebe beklagt und eine verstärkte Kontrolle
sowie die grundsätzliche Umkehr der Landwirtschaft hin zum
„Weniger ist mehr“ gefordert. Die Art und Weise, wie heute über
Lebensmittelproduzenten geredet wird, erweckt den absurden
Anschein, als sei der gesamte Markt bis gestern Tummelplatz für
Verbrecher und Menschenvergifter gewesen.
Ähnlich realitätsfern gestaltet sich die Debatte über die
Zukunft der Landwirtschaft: Die von der rot-grünen
Bundesregierung angekündigte Abkehr von der „hochtechnisierten“
und „verwissenschaftlichten“ Landwirtschaft suggeriert, man
könne durch eine Reduktion von Wissenschaft und Technologie die
Bevölkerung vor weiteren Skandalen besser schützen. Das
Gegenteil ist der Fall: zwischen der Verbreitung von MKS und der
Rückschrittlichkeit landwirtschaftlicher Produktionsweisen
besteht ein direkter Zusammenhang.
Dennoch wird einer weniger intensiven und umweltverträglichen
Landwirtschaft das Wort geredet. Wie aber zukünftig mehr als
sechs Milliarden Menschen ernährt werden sollen, wenn auf
intensive Landwirtschaft und neue Technologien verzichtet wird,
bleibt unbeantwortet. Dass eine Weiterentwicklung von
Technologien darüber hinaus dem Ziel dienen kann, die Umwelt
besser zu schützen, findet ebenfalls wenig Beachtung. Ganz unter
den Esstisch fällt zumeist die grundlegendste und wichtigste
aller Erkenntnisse: Sowohl ökologische als auch intensive
Landwirtschaft ermöglichen heute eine Versorgung mit
Lebensmitteln in bisher unbekannter Vielfalt und Qualität.
<Seitenanfang>
Blinder Aktionismus
Die Ernährungsdebatte ist geprägt von ängstlichem Denken, das
sich bis in die Küchen ausgebreitet hat. In dem Unbehagen vieler
Bürger angesichts automatisierter Verfahren zur
Lebensmittelherstellung verschafft sich eine diffuse Skepsis
gegenüber Industrie, Wissenschaft und Wirtschaft Luft. Aus
diesem Gefühl der Ohnmacht heraus wird der Ruf nach verstärkter
Regulation wissenschaftlicher und ökonomischer Prozesse laut.
Allzu gerne greifen visionslose politische Eliten dieses
gesteigerte Sicherheitsbedürfnis der Bürger auf, erhoffen sie
sich doch hiervon, Handlungsfähigkeit präsentieren und neue
Bindungen des Vertrauens aufbauen zu können. Gleichzeitig aber
verstärken sie das Misstrauen gegenüber der allgemeinen
Lebensmittelsicherheit durch hektische Betriebsamkeit im Bereich
des Verbraucherschutzes.
Das Ironische daran: Einerseits wird das noch vorhandene
Rest-Vertrauen in bestehende Sicherheitsstandards endgültig
zerstört, andererseits schwindet aber auch der Glaube daran,
dass überhaupt noch Sicherheit gewährleistet werden könne.
Viele der aufgeregten Diskussionen im Bereich der
Ernährungssicherheit sind lediglich Scheingefechte, in denen
Scheinlösungen als Antwort auf vermeintliche Ernährungsgefahren
präsentiert werden. Daher stoßen diese Debatten auch keine
Veränderungen an, durch die die Gesellschaft in die Lage
versetzt würde, tatsächlich bestehende oder künftig auftretende
Missstände beheben und das Vertrauen der Menschen (wieder-)herstellen
zu können. Gerade blinder Aktionismus wird nicht verhindern
können, dass in Zukunft einzelne schwarze Schafe durch
unvorsichtiges oder verantwortungsloses Verhalten
Lebensmittelskandale auslösen.
<Seitenanfang>
Ökologischer Glaubenskrieg – bis
zum letzten Schokoriegel
Die Antwort der Politik auf die drängende Frage vieler Bürger,
was man denn überhaupt noch essen könne, orientiert sich immer
seltener an wissenschaftlichen Erkenntnissen – diese
bescheinigen unseren Lebensmitteln hohe Qualität und der
Bevölkerung eine gute Gesundheit. Angesichts der eigenen
Verunsicherung und Isolation reagieren die Eliten auf die
Verunsicherung der Menschen mit Panikmache von oben. Und dies
nicht nur in Ernährungsfragen: Politisch motivierte und
moralisch verklausulierte Glaubenssätze versalzen mittlerweile
fast die gesamte politische Kultur.
Der Versuch, eindeutige Leitlinien vorzugeben und eine klare
Unterscheidung von „Gut und Böse“ zu treffen, offenbart das
Streben der Politik, die aufgescheuchte Gesellschaft zu
beruhigen und um sich zu scharen. „Gut und Böse“ werden auch in
der Ernährungsdebatte entlang der bereits bekannten
Demarkationslinien ökologischer Diskurse definiert. Das neue
Wertesystem, das zunehmend nicht nur an den öffentlichen Stamm-
, sondern auch an den privaten Esstischen das Zepter schwingt,
problematisiert neben der Massenproduktion vor allem den
industriellen Charakter der Ernährungserzeugung und zieht
hieraus Rückschlüsse auf die Qualität der Produkte.
Beispielsweise gelten Erzeugnisse aus biologischem Anbau
generell als die „gesünderen“, weil davon ausgegangen wird, dass
ein Weniger an Technik und Künstlichkeit automatisch einen Mehr
an Qualität zur Folge hat – ein Trugschluss.
In der öffentlichen Meinung ist die Einteilung von Lebensmitteln
in „gesunde“ und „ungesunde“ indes fest etabliert, und es wird
davon ausgegangen, dass ungesunde Nahrung vor allem dort
anzutreffen ist, wo billig, schnell und massenhaft eingekauft
wird. Der Supermarkt, einst Inbegriff der praktischen, günstigen
und guten Versorgung der Bevölkerung, erscheint in diesem Klima
als Ausgeburt des globalisierten und menschenverachtenden
Kapitalismus. Auch wenn weiterhin ein Großteil der Menschen ihre
Einkäufe in großen Shopping-Centers erledigt – die gestiegene
Verunsicherung ist in der Schlange an der Kasse mit Händen zu
greifen.
Durch das Bestreben, den Verbraucher mit neuen Gütesiegeln und
Etiketten auf Verpackungen zu beruhigen, wird die Sache nicht
besser.
Auch diese absurde Kennzeichnungswut ist von Irrationalität
geprägt. So sollen alsbald alle Lebensmittel, die bei ihrer
Herstellung mit der Gentechnik irgendwie in Berührung gekommen
sind, entsprechend gekennzeichnet werden, auch wenn sich die
fertigen Produkte von herkömmlichen nicht die Bohne
unterscheiden. Auch Schokoriegel, die beispielsweise
gentechnisch veränderte Nüsse enthalten, aus denen
allergieauslösende Stoffe entfernt wurden, werden womöglich bald
einen warnendes Gentech-Label auf die Verpackung gedruckt
bekommen, während „natürliche“ Waren mit hochallergenen
Inhaltsstoffen als angeblich „gentechnikfrei und gesünder“ im
Regal stehen werden.
Dem Gefühl, den komplexen Zusammenhängen der modernen Welt
ohnmächtig gegenüberzustehen und selbst nicht mehr sachlich
unterscheiden zu können, was gesund oder ungesund ist, wird
durch die Einführung solcher neuen Gütesiegel nur Vorschub
geleistet. Diese stellen sicher, dass die Wertedebatte nicht
allein eine abstrakte und akademische bleibt, sondern den
kompletten Lebensmittelsektor bis ins hinterste Marktregal
durchdringt. Wenn das weitergeht wie bisher, wird sich künftig
kein Schokoriegel ohne den Nachweis seiner ökologischen und
gesundheitlichen Unbedenklichkeit im ethischen Wettbewerb
behaupten können.
<Seitenanfang>
Ethische Konsumenten in
verantwortungsloser Gesellschaft
Im Zeitalter des überall vermuteten Risikos wird das Einkaufen
zu einem zeitaufwendigen, mühsamen und komplizierten Geschäft.
Früher ging man davon aus, dass das Lebensmittelangebot einem
hohen Qualitätsstandard entspricht. Man konnte daher nach
eigenen Vorlieben und Möglichkeiten aus dem Riesensortiment
wählen. Mit dem Vormarsch der Gütesiegel und Kennzeichnungen
verkehrt sich die gesellschaftliche Aufgabenverteilung: Zwar
garantieren Industrie und Politik nach wie vor für höchste
Qualitätsstandards, die Verantwortung für die sichere Wahl von
Lebensmitteln wird nun allerdings auf den Konsumenten
übertragen. Kein Wunder, dass hierdurch die Verunsicherung nur
weiter zunehmen kann, denn der Endverbraucher ist das letzte
Glied in der Ernährungskette und hat keinerlei direkten Einfluss
auf die Produktion. Es ist grotesk, dass solche Initiativen auch
von Verbraucherschutzorganisationen als Erfolge für die
Konsumenten gefeiert werden.
Beratung statt Bewusstsein
Vielen Menschen fällt es immer schwerer, ihrem eigenen gesunden
Menschenverstand zu vertrauen, wenn es darum geht, sich sinnvoll
zu ernähren. Dies gilt nicht nur für kranke und anfällige
Menschen, die ohnehin in besonderem Maße auf ihre Ernährung
achten müssen, sondern vermehrt und vor allem auch für Menschen,
die eigentlich gesund sind. Auch ihnen stellt sich der Vorgang
des Essens als ein zunehmend problematischer, bedrohlicher und
in seinen Konsequenzen unabsehbarer dar.
Bedrohlich in seinen Konsequenzen ist jedoch nicht der Akt des
Essens, sondern seine Problematisierung: Eine Heerschar
vermeintlicher und selbsternannter Gesundheits- und
Ernährungs-„Experten“ nutzt die Gunst der Stunde, um aus dem
dumpfen Gefühl der Verunsicherung Profit zu ziehen. Der Zulauf,
den die Ernährungsberaterbranche zu verzeichnen hat, erhält vor
diesem Hintergrund einen fahlen Beigeschmack: Er ist nicht die
Folge eines gestiegenen Gesundheitsbewusstseins, sondern in
erster Linie Folge des wachsenden Bedürfnisses, in allen
möglichen – auch banalen – Lebenslagen professionellen Beistand
in Anspruch zu nehmen, anstatt selbständig Entscheidungen zu
treffen und Probleme zu lösen.
Menschenverstand ist gesund
Auch wenn viele Deutsche nach den BSE- und MKS-Skandalen wieder
zu Schnitzel und Braten zurückgekehrt sind: Die anhaltenden
Diskussionen über Ernährungsrisiken haben in weiten Teilen der
Bevölkerung ein Unwohlsein hinterlassen. Viele Menschen haben
auf die eine oder andere Art ihre Essgewohnheiten verändert,
entweder aus Vorsicht oder um ein Zeichen zu setzen. Essen und
Konsumieren ist keine Privatsache oder Frage des persönlichen
Geschmacks mehr, sondern Gegenstand öffentlicher Diskussionen
und ideologischer Grabenkämpfe. Selbst Hartgesottene, die sich
noch bis vor kurzem nicht in den Kochtopf schauen ließen, sind
heute empfänglicher für die öffentlichen Ernährungsdiskurs und
bereit, über ihre Gewohnheiten nachzudenken. Bedenklich ist,
dass dies auf Basis wissenschaftlich fragwürdiger und
ideologischer Glaubenssätze geschieht.
In diesem Kontext wird auch deutlich, wie irreführend die Idee
von der „Macht der Konsumenten“ in Wirklichkeit ist: Konsumieren
ist per definitionem ein passiver Vorgang. Eine Gesellschaft,
die sich als Konsumentengesellschaft begreift, organisiert sich
um ihre eigene Passivität und Ohnmacht. Erst mit einem solch
begrenzten Selbstverständnis werden Belanglosigkeiten wie
Herkunft und Beschaffenheit des täglichen Brotes und des
Frühstückseies zu entscheidenden Eckpunkten der persönlichen und
sozialen Identität. Diese Entwicklung ist ein Rückschritt in
jeder Hinsicht. Die Menschen wären besser beraten, auf ihre
Vernunft und ihren Verstand zu setzen.
Eva Balzer ist freie Autorin. Matthias Heitmann ist
Novo-Redakteur. Der vorliegende Text ist in Novo (Nr.55/56) erschienen (www.novo-magazin.de).
Literaturtipps
Dr. Michael Fitzpatrick: The Tyranny of Health: Doctors and the
Regulation of Lifestyle, Routledge 2000, ISBN: 0415235723, 208
S., DM 33,35 (bei Amazon.de)
Hans-Werner Prahl / Monika Setzwein: Soziologie der Ernährung,
Verlag Leske + Budrich, Opladen 1999, ISBN: 3810020052, 310 S.,
DM 48
Eva Barlösius: Soziologie des Essens, Juventa Verlag, Weinheim
1999, ISBN: 3779914646, 256 S., DM 35,97
Ingrid Reinecke / Petra Thorbrietz: Lügen Lobbies Lebensmittel,
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999, ISBN: 3499605961, 254
S., DM 16,90
Peter Scholliers (Hg.): Food, Drink and Identity: Cooking,
Eating and Drinking in Europe since the Middle Ages, Berg
Publishers 2001, ISBN: 1859734618, DM 44,30
Sian Griffiths (Hg.): Consuming Passions: Food in the Age of
Anxiety, Manchester University Press 1998, ISBN: 0719053110, 256
S., DM 181,68 (bei Amazon.de)
|