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Å Schutz vor Herzinfarkt: weniger Zucker oder Fett?

von Ulrike Gonder

Wer seine Gefäße vor frühzeitiger Verkalkung und sein Herz vor dem gefürchteten Infarkt schützen will, wird von der medizinischen und der ernährungsberaterischen Zunft bislang aufgefordert, deutlich weniger Fett zu verspeisen und stattdessen seine Kohlenhydratzufuhr zu steigern. Praktisch bedeutet das, mehr Brot, Kartoffeln, Reis und Nudeln und dafür weniger Butter, Sahne, Öl und fette Wurst zu essen. Die Lebensmittelindustrie griff diese Empfehlungen schon vor Jahren auf und bietet dem geneigten Verbraucher seither eine Fülle an fettreduzierten Lebensmitteln an, vom Fertiggericht bis zum Light-Joghurt.

Viele dieser „herzschützenden“ Produkte enthalten statt Fett reichlich Kohlenhydrate. Damit liegen sie – eigentlich – voll im Trend der ernährungsmedizinischen Empfehlungen. „Eigentlich“ deshalb, weil die zusätzlichen Kohlenhydrate überwiegend als Zucker daherkommen, und das war mit „mehr Kohlenhydrate“ nicht gemeint. Doch egal, ob Stärke (empfehlenswert) oder Zucker (weniger empfehlenswert), die neuesten Forschungsergebnisse in Sachen Herzinfarkt und Zivilisationsleiden zeigen, dass den Fetten offenbar zuviel „Unrecht“ geschah und dass die Ernährungsmediziner mit den riesigen Mengen Kohlenhydraten, die sie empfehlen, offenbar aufs falsche Pferd gesetzt haben.


Syndrom X und die Kohlenhydrat-Falle

Von den meisten von uns unbemerkt, nehmen in allen westlichen Ländern nicht nur Störungen des Fett-, sondern auch des Kohlenhydrat-Stoffwechsels zu. Zunächst symptomlos entwickelt sich über Jahre das so genannte Syndrom X: Diesen Namen wählte Gerry Reaven, ein Pionier auf diesem Gebiet, Ende der 80er Jahre für das Zusammentreffen mehrerer Stoffwechselstörungen: zu große Mengen von Fett (Triglyceride) im Blut, zu hoher Blutdruck und eine zunehmende Insulinresistenz. Insulin ist jenes Hormon, mit dem unser Körper seinen Zucker- und Fettstoffwechsel steuert. Je weniger wirksam das Insulin ist, desto mehr gerät der Stoffwechsel durcheinander und desto wahrscheinlicher wird es, an der Zuckerkrankheit Diabetes zu leiden und vorzeitig an einer Herz- und Gefäßerkrankung zu sterben.

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Erwachsenen in jenen Regionen der Erde, die mit Nahrung überversorgt sind, bereits am Syndrom X leiden und dass die nahe Zukunft eine wahre Epidemie dieser fatalen Stoffwechselsituation bringen wird. Neben einer genetischen Veranlagung und vor allem Bewegungsmangel als wichtigster Ursache spielt die Ernährung eine herausragende Rolle bei der Entstehung – oder eben bei der Verhütung des Syndrom X und all seiner gefährlichen Begleiterscheinungen. Und während in den letzten Jahren die Fette (vielfach zu unrecht) am Pranger der Ernährungsmediziner standen, rücken nun die Kohlenhydrate, und mit ihnen die Leber, ins Zentrum des krankhaften Geschehens.


Zucker lässt Fett aus der Leber fließen

Wenn wir Kohlenhydrathaltiges essen, etwa ein Marmeladenbrot oder einen süßen Riegel, schüttet unsere Bauchspeicheldrüse Insulin aus, das wiederum dafür sorgt, dass die nun anflutenden Fette und Zucker nicht lange im Blut verbleiben, sondern von der Muskulatur „verarbeitet“ und die Überschüsse im Fettgewebe eingelagert werden. Gleichzeitig sorgt das Insulin dafür, dass die Leber selbst kein Fett mehr herstellt und ins Blut entlässt, denn dort befinden sich ja bereits genug „Brennstoffe“. Soweit so gut. Wie effektiv das Insulin arbeitet und wie empfindlich vor allem die Muskulatur auf das Hormon reagiert, hängt jedoch wesentlich davon ab, ob wir ausreichend körperlich aktiv sind. Bei Bewegungsmuffeln werden auch die Andockstellen für das Insulin an den Muskelzellen immer „fauler“, das Hormon kann nicht mehr so gut wirken, es entsteht eine immer schlimmer werdende Insulinresistenz. Folglich verbleibt zuviel Zucker im Blut, was die Bauchspeicheldrüse wiederum veranlasst noch mehr Insulin auszuschütten.

Damit könnte das Problem zumindest vorübergehend behoben werden, wenn nicht zweierlei passieren würde: Einerseits erschöpft sich die Bauchspeicheldrüse zusehends, so dass der Zucker- und Fettstoffwechsel immer mehr durcheinander gerät. Zweitens zeigen neue Studien, dass das Insulin im Zustand der Insulinresistenz seine fettbremsende Wirkung an der Leber nicht mehr wahrnimmt, ja sie sogar ins Gegenteil verkehrt: Fortan ermuntert das Insulin die Leber dazu, vermehrt Fette auszuschütten, noch dazu jene, die besonders schädlich für das Herz sind (VLDL, LDL und Triglyceride). Genau diese Fette lassen zudem die Muskulatur und das Fettgewebe immer unempfindlicher gegenüber Insulin werden. Es entsteht ein fataler Teufelskreis, der über das Syndrom X zu Diabetes, koronaren Herzkrankheiten und Schlaganfällen führt.

Neben den hohen Kohlenhydratmengen, die bei Bewegungsmangel eher zu Übergewicht und Insulinresistenz führen, erscheint nun auch eine zweite „Grundregel“ zur gesunden Ernährung fraglich: Die Aufforderung zu fünf statt drei Mahlzeiten sorgt dafür, dass unser Körper mehr oder weniger dauerhaft mit Insulin überflutet wird. Nach Ansicht des schottischen Biochemikers Victor Zammit sind diese hohe Mahlzeitenfrequenz und die damit verbundene Insulin-Dauerberieselung ein Auslöser für die unerwünschte Fettfreisetzung aus der Leber. An Ratten konnte er bereits nachweisen, dass es der fast pausenlose Kontakt zum Insulin ist, der die Leber veranlasst, überflüssiges Fett ins Blut abzugeben.


Aktiv gegen Syndrom X

Eine der wirksamsten Methoden, dem Syndrom X vorzubeugen, ist Bewegung! Jede Art von körperlicher Aktivität sorgt dafür, dass unsere Muskulatur empfindlich gegenüber dem Insulin bleibt. So ist gewährleistet, dass die Energie liefernden Nährstoffe optimal verwertet werden können. Darüber hinaus empfiehlt Zammit, der Leber etwa 4 bis 5 Stunden Pause zwischen jeder Mahlzeit zu gönnen.

Doch es sind nicht allein zu häufige oder zu große Kohlenhydratmengen, die via Insulin die Leber dazu veranlassen, zuviel Fett zur falschen Zeit abzugeben. Ein bestimmtes Kohlenhydrat, der Fruchtzucker (Fructose) bewirkt das gleiche, auch ohne die Hilfe des Insulins: Fructose wird direkt zur Leber geleitet, wo sie zu Fettbausteinen umgebaut wird und zusätzlich die Fettabgabe ans Blut stimuliert. Zumindest bei Ratten hat Victor Zammit auch dies nachweisen können. Experimente mit syrischen Goldhamstern weisen in die gleiche Richtung, und auch eine erste kleine Studie mit gesunden Freiwilligen an der Universität von Minnesota ergab, dass eine hohe Fructosezufuhr die ungünstigen Blutfette deutlich erhöht. Als besonders empfindlich erwiesen sich die Männer, deren Triglyceride im Blut nach den Fruchtzucker reichen Mahlzeiten um ein Drittel stiegen.

Sollen wir jetzt etwa kein Obst mehr essen? Weit gefehlt, denn gerade der Konsum von Obst und Gemüse erwies sich als besonders günstig, wenn es um die Herzgesundheit geht. Beides enthält zwar Fructose, doch nur eine geringe Menge! So findet sich in einer Portion Möhren gerade mal ein Viertel Gramm davon. Die bedenklichen Fructose-Bomben finden wir dort, wo wir am wenigsten damit gerechnet haben: in Erfrischungsgetränken und Süßigkeiten. Während ein Teelöffel Zucker oder Honig etwa 2 Gramm Fructose enthalten, schlägt eine 330-Milliliter-Dose Cola mit 15 Gramm und ein großer Schokoriegel mit 25 Gramm zu Buche.

Wie kommen diese Riesenmengen dort hinein? Ausgangspunkt ist die Entdeckung der Lebensmittelindustrie in den 60er Jahren, dass sich aus Mais ein äußerst billiges Süßungsmittel gewinnen lässt, der so genannte „high fructose corn sirup“, der zu einem Großteil aus Fructose besteht. Dieses süße Wundermittel wird aufgrund seiner technologischen Vorteile heute in allen möglichen industriell hergestellten Lebensmitteln eingesetzt, von Frühstücksflocken über Desserts bis hin zu Erfrischungsgetränken. Kein Wunder, dass die Fructosezufuhr seit den 70er Jahren sprunghaft zugenommen hat: In den USA hat sie sich allein durch die Süßungsmittel aus Mais von 1975 bis 1990 verzehnfacht.

Dass die Ernährung – neben der körperlichen Bewegung – tatsächlich einen großen Einfluss auf die Entstehung des Syndrom X und der Zuckerkrankheit mit all ihren Folgeerscheinungen hat, zeigt das Beispiel der Pima Indianer. Die Mitglieder dieses in Arizona beheimateten Stammes haben eine starke genetische Veranlagung für Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels: Mit acht Jahren sind die meisten bereits insulinresistent, und im Alter werden fast alle übergewichtig und zuckerkrank. Das geschieht aber nur dann, wenn sie von ihren traditionellen Lebens- und Essgewohnheiten ablassen und stattdessen zu Cola und Fast Food greifen.


Quelle: Vines, G: Sweet but deadly. New Scientist v. 1.9.2001/S.26-30
 

siehe auch:

Cholesterin
Magere Indizien gegen fette Speisen

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Das Pfefferkorn mahlen: Dipl.oec.troph. Ulrike Gonder, Dipl.oec.troph. Brigitte Neumann,
Dr. med. Harald Renner, Dipl.-Ing. Anne Kupschus